FEINGEFÜHL: Meister des Taktstocks

Der Märstetter Matthias Gubler ist der Einzige in der Schweiz, der selbstgemachte Taktstöcke anfertigt. Damit alles passt, muss er ganz genau hinhören und hinsehen.

Viola Stäheli
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Matthias Gubler ist dabei, den Griff für einen neuen Taktstock in Form zu bringen. (Bild: Andrea Stalder)

Matthias Gubler ist dabei, den Griff für einen neuen Taktstock in Form zu bringen. (Bild: Andrea Stalder)

Viola Stäheli

viola.staeheli@thurgauerzeitung.ch

Auf die Balance kommt es an. Matthias Gubler schaut auf den rotierenden Holzstift. Er nimmt einen Drechselstab in die Hände, das Werkzeug hat Ähnlichkeit mit einer Feile. Die Späne fliegen, ein Kratzen ertönt. Mit fliessenden Bewegungen schleift der Blasinstrumentenreparateur das Stück Holz in eine Form, sodass es entfernt einer Birne ähnelt. Der Griff soll später perfekt in der Hand des Dirigenten liegen. Nur dann kann die ideale Balance erreicht werden, damit das Gewicht nicht mehr zu spüren ist – das Wichtigste bei einem Taktstock.

Gubler ist der Einzige in der Schweiz, der Taktstöcke anfertigt. Allerdings hat er sich auf die Holzgriffe spezialisiert. Es wäre kein Problem, auch den Rest aus Holz herzustellen, allerdings hat ein solcher Taktstock einen Nachteil: Er federt stark nach. Die meisten Dirigenten bevorzugen deshalb stabilere Materialien wie Karbon und Fiberglas. Gubler kauft dieses zu, die exakte Anpassung übernimmt er aber selbst. Dazu gehört nicht nur das Zuschneiden auf die richtige Länge, sondern manchmal auch eine neue Lackierung. Für den Griff schwört der gelernte Schreiner auf heimisches Holz: «Thurgauer Zwetschgen- oder Birkenholz ist einfach unschlagbar.»

Auf die Taktstöcke gekommen ist er durch einen Zufall. Stefan Roth, Dirigent des symphonischen Blasorchesters Kreuzlingen, zeigte Gubler seinen kaputten Taktstock und bat ihn um Reparatur. Was darauf folgte, war stundenlanges Ausprobieren.

«Bei den ersten Versuchen habe ich viel zu viel Zeit gebraucht, das rentierte überhaupt nicht», sagt der Märstetter lachend. Doch das Endresultat liess sich sehen, und so standen kurz darauf weitere Dirigenten im Blaswerk Haag in Weinfelden, wo Gubler mittlerweile seit 35 Jahren arbeitet. Sein Spezialgebiet sind Holzblasinstrumente wie Klarinette, Flöte oder Saxophon. Nebst der Reparaturen tüftelt Gubler immer wieder daran, wie die Instrumente klangvoller werden können.

Ein grober Griff für grosse Hände

Mittlerweile hat er für die Taktstöcke seiner Eigenmarke Magoo Kunden aus der ganzen Schweiz und dem grenznahen Ausland. In Blas- bis hin zu Symphonieorchestern werden sie genutzt. Im Jahr stellt der Tüftler rund 50 Stück her. Sein Rezept zum Erfolg: Individualität. Ein Dirigent mit grossen Händen braucht beispielsweise einen gröberen Griff. Hinzu kommt, dass jeder den Taktstock anders hält.

«Ich habe aber mittlerweile Standardgrössen, die ich nicht mehr von Hand anfertige, sondern maschinell. Trotzdem ist es mir sehr wichtig, die Wünsche der Dirigenten zu erfüllen», sagt Gubler. In vielen Fällen passen allerdings die Standardgrössen. Diese sind auch günstiger: Während die Standards zwischen 80 und 100 Franken kosten, können Spezialanfertigungen schnell auf einen Preis über 200 Franken klettern.

Nicht nur aufgrund der individuellen Wünsche ist Gubler stets daran, seine Taktstöcke zu verbessern. Seit 2007 tüftelt er mittlerweile an diesen, die zehn Jahre haben ihm einen grossen Erfahrungsschatz eingebracht. Er probiert gerne Neues aus, denn das gestaltet seinen Arbeitsalltag abwechslungsreich – und beschert ihm ganz nebenbei weitere zufriedene Kunden.

Hat er denn überhaupt einmal selbst dirigiert? «Ja, ich habe bereits in verschiedenen Ensembles gewirkt», sagt Gubler. Daher weiss er, worauf es ankommt. Er nimmt das geschliffene Stück Holz aus der Umspannung, wiegt es in der Hand und grinst: «Da muss ich noch nachschleifen, ­ der Griff soll schliesslich perfekt sein.»