Fasnacht statt Karneval und Konfetti

KONSTANZ. Über 100 000 Besucher frönten in Konstanz während dreier Tage der schwäbisch-alemannischen Fasnacht. Das riesengrosse Narrentreffen der 69 traditionsreichsten Fasnachts-Zünfte von der Innerschweiz bis hoch in die Neckar-Alb findet nur alle vier Jahre statt, letztmals 1972 in Konstanz.

Mathias Frei
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Närrische Freude trotz Anstrengung: Narren aus Stockach und Radolfzell setzen auf der Konstanzer Marktstätte den riesigen Narrenbaum. (Bilder: Donato Caspari)

Närrische Freude trotz Anstrengung: Narren aus Stockach und Radolfzell setzen auf der Konstanzer Marktstätte den riesigen Narrenbaum. (Bilder: Donato Caspari)

Während der kurzen Reformationszeit in der Bischofs- und Konzilstadt Konstanz, von 1529 bis 1548, mussten die Einheimischen auswärts das Fest vor der Fastenzeit – die Fasnacht – feiern. Wer von der Ermatinger oder Emmishofer Fasnacht zurückkehrte, dem drohte eine Strafe.

Tradition und Narretei

Heutzutage strömen die Narren zu Tausenden nach Konstanz, um die schwäbisch-alemannische Fasnacht zu begehen, die traditionellerweise am Dreikönigstag beginnt. Und wenn dann noch das nur alle vier Jahre stattfindende Treffen der Vereinigung der schwäbisch-alemannischen Narren (VSAN) ansteht, ist in dieser lustvollen Stimmung von jahrhundertelang gepflegten Traditionen und närrischer Lebensfreude kein Halten mehr.

Von Freitag bis Sonntag feierten über 100 000 begeisterte Besucher die fünfte Jahreszeit. 12 000 Narren und 3000 Musiker waren es allein am sonntäglichen Umzug durch die Konstanzer Altstadt.

Von überallher hört man die Schellen an den farbenfrohen «Häs», den närrischen Kleidern. Es wird geratscht und gekläpperlet. In den Gassen sind Narrenlumpen gespannt. Nur der Himmel an diesem Samstagmittag ist wolkenverhangen grau.

Wertschöpfung bleibt regional

Im Festbüro am Augustinerplatz spricht Blätzlebuebe-Mediensprecher Roland Scherer von der Wertschöpfung des Narrentreffens, die in der Region bleibe, und dass die hölzernen Umzugs-abzeichen in einer Tettnanger Behindertenwerkstätte fabriziert worden seien, nicht in China. Scherer ist im anderen Leben Dozent an der HSG. Mit seinen Freunden der Konstanzer Blätzlebuebe – mit 1700 Mitgliedern grösste und traditionsreichste Narrenzunft der Stadt – veranstaltet er das VSAN-Treffen. Letztmals fand es 1972 in Konstanz statt. Schon damals soll das Wetter schlecht gewesen sein.

Da betritt ein Narr das Festbüro. «Ho Narro» zum Grusse. Er fragt nach Anreisemöglichkeiten für den Umzug. Scherer weist auf die Sonderfähren ab dem nördlichen Bodenseeufer hin. «Ja, könne denn die alle schwimme?» «Jo, jo», meint Scherer.

Narrenbaum und Freikirchler

Nach der freitäglichen Eröffnung durch die über 70 Konstanzer Zünfte steht am Samstag als erster Höhepunkt das Setzen des Narrenbaums auf der Marktstätte an. Hinter dem Kaiserbrunnen verteilen Freikirchler Schriften. Davor ist der Platz abgesperrt. Fasnacht und Katholizismus gehen eben Hand in Hand.

Aus dem Sendewagen von Radio Seefunk scheppert Musik, wie sie in vielen Grossraum-Discos nicht zu überhören ist. Kurz nach 13.30 Uhr marschieren die ersten Narrenzünfte auf, nehmen Aufstellung rund um das zwei Steinplatten grosse Loch mitten auf dem Platz. Dann tragen die Holz-Zünfte aus Stockach und Radolfzell die 33 Meter lange Fichte heran. Viel länger dürft' sie nicht sein, trotz vier Sicherungen zuoberst.

Drei Jahre Vorbereitungszeit

Über zwei Dutzend Männer ziehen nun den Baum mit den acht Schweins-Blatere am Wipfel Stück um Stück hoch, stabilisieren, stossen wieder. Eine knappe Stunde dauert das Schauspiel unter den Augen zwei-, dreitausend Schaulustiger. Andreas Kaltenbach, seit 15 Jahren Zunftmeister der Blätzlebuebe, moderiert das Ganze mit einem vom Radiosender.

Drei Jahre haben seine Zünfter auf dieses Wochenende hingearbeitet. Wo 2016 das 23. Treffen im 92. VSAN-Jahr stattfindet, steht noch in den Sternen. An einem Empfang später am Münsterplatz meint einer zu Kaltenbach, Konstanz könne ja auch 2016 machen. Sie hätten's ja «ned schlecht» gemacht. Kaltenbach lacht. «Man kann mich ja höchstens vom Hussenstein in den See werfen.»

Die Grösse sei aber mittlerweile schon ein Problem. Kleinere Städten könnten das Treffen kaum mehr durchführen, sagt Kaltenbach, also eigentlich Andreas. Denn unter Narren duzt man sich.

Kläpperlen und Danse polonaise

Auf dem Münsterplatz draussen wird dem Publikum derweil fasnächtliches Brauchtum präsentiert. Die einen kläpperlen ein- und zweihändig, haben akustisch gegen den Sturm zu kämpfen, der einem den Regen ins Gesicht peitscht. Die anderen tanzen in wunderschönen «Häs», untermalt von einer vielköpfigen Narrenmusik, eine Polonaise im alten Vier-Viertel-Takt. Auch Schweizer Fasnächtler sind dabei, aus Laufenburg, Siebnen, Willisau oder dem sanktgallischen Berschis. Und die Wylägerer aus Unterägeri rauchen noch kurz ihre Krummen runter, bevor sie ihren kurligen Nüsslertanz zum Besten geben.

Fasnachtshochburg

Konfetti kennt man an der schwäbisch-alemannischen Fasnacht übrigens nicht. «Das braucht's nicht. Ist ja kein Karneval», erklärt der Zunftmeister. Nein, es sind Traditionen. Zukunft brauche eben auch ihre Herkunft, erklärt die Moderatorin der Brauchtumsvorführungen.

Und Konstanz ist eine traditionelle Fasnachtshochburg, wie Uli Topka, Brauchtumsbeauftragter der Blätzlebuebe, erklärt. Erste Datierungen stammen aus dem 13. Jahrhundert. Aus der Vita des Dominikaner-Mystikers Suso geht hervor, dass die Narretei in Konstanz schon im 14. Jahrhundert in höchster Blüte stand. Und das bis in die Gegenwart, lange in die Nacht in den Schnurr- und Besenbeizen in der Altstadt oder auf dem Narrenschiff, der Motorfähre Kreuzlingen.

Zunftmeister Andreas Kaltenbach machte das Narrentreffen möglich. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

Zunftmeister Andreas Kaltenbach machte das Narrentreffen möglich. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

Verpflegung für die Stockacher Zimmerer, als der Narrenbaum steht. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

Verpflegung für die Stockacher Zimmerer, als der Narrenbaum steht. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

Für kleine, herzige Narren gibt's hinter Absperrgittern viel zu sehen. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

Für kleine, herzige Narren gibt's hinter Absperrgittern viel zu sehen. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

Tierisch: Auch Hunde haben Spass an närrischer Verkleidung. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

Tierisch: Auch Hunde haben Spass an närrischer Verkleidung. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

Erstaunt und begeistert zeigen sich die vielen tausend Besucher. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))

Erstaunt und begeistert zeigen sich die vielen tausend Besucher. (Bild: Donato Caspari (Donato Caspari))