Etwas Farbe im grauen Alltag

KREUZLINGEN. Zweimal in der Woche gibt Hans-Rudolf Müller-Nienstedt Kindern von asylsuchenden Familien die Gelegenheit zum Malen und Basteln. Eine bunte Abwechslung während der oft tristen Warterei im Empfangs- und Verfahrenszentrum.

Michèle Vaterlaus
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Kabron aus Eritrea geniesst die Malstunden für Kinder im Empfangszentrum. (Bild: Michèle Vaterlaus)

Kabron aus Eritrea geniesst die Malstunden für Kinder im Empfangszentrum. (Bild: Michèle Vaterlaus)

Die Wände sind grau, der Innenhof ist eine Baustelle. Im Aufenthaltsraum sitzen Dutzende Personen mit unterschiedlicher Herkunft, die gelangweilt durch die Verglasung den vorbeigehenden Personen nachschauen. Der Alltag im Empfangszentrum Kreuzlingen ist eintönig. Vor allem für Kinder ist der Ort trist und der Aufenthalt ein ewiges Warten.

Um immerhin ein bisschen Farbe in den Alltag der kleinsten Bewohner zu bringen, hat Hans-Rudolf Müller-Nienstedt in Zusammenarbeit mit den Betreuern eine Zeichenstunde für die Kinder eingeführt. Die so entstandenen Bilder werden in einer Ausstellung gezeigt (Kasten).

Mit Händen und Füssen

Morgens um neun taucht der Kinder- und Jugendpsychologe im Aufenthaltsraum des Empfangszentrums auf und prallt fast mit zwei kämpfenden Buben zusammen. Müller-Nienstedt spricht sie an und fragt, ob sie Lust hätten zu malen. Sofort sind die Buben bereit. Einer von beiden kennt Müller-Nienstedt, er nimmt nicht zum erstenmal an der Zeichenstunde teil.

«Wenn es neue Bewohner gibt, müssen wir den Eltern die Zeichenstunden erklären», sagt Müller-Nienstedt und sucht die Mutter des anderen Buben. Sie sitzt in der Nähe an einem Tisch und unterhält sich mit ihrem Mann. Sie versteht Englisch und gibt ihr O. K., dass ihr Sohn mitgehen darf. «Das war diesmal ganz einfach», sagt Müller-Nienstedt. Denn meistens muss er sein Vorhaben mit Händen und Füssen erklären.

Es wird ruhig

Zehn Kinder nehmen an diesem Morgen an der Zeichenstunde teil. Diese findet in einem Raum, etwa halb so gross wie ein Klassenzimmer, statt. An den Wänden hangen bereits Zeichnungen mit Häusern darauf oder Flaggen und Flugzeugen. Müller-Niendstedt begrüsst die Kinder in verschiedenen Sprachen. Guten Morgen, Bonjour, Kemey Hadirka, Rozbekher. Fünf Geschwister aus Syrien sind unsicher, was das heisst. Sie sitzen am grossen Tisch, zucken mit den Schultern und werfen sich ratlose Blicke zu. Dann verteilt der Psychologe Zeichenpapier und Farbstifte. Die Kinder greifen danach und beginnen zu malen. Auf einmal ist es still im Raum.

«Es ist nicht immer so ruhig. Manchmal ist hier Rambazamba.» Trotz der Ruhe gibt es auch an diesem Tag Reibereien: Ein Junge vermalt das Bild seiner Sitznachbarin. Die zwei Buben, die sich vorhin einen Plauschkampf geliefert haben, machen mit ihren Scherereien weiter. Sie streiten sich um Farbstifte und Pinsel. Müller-Nienstedt geht dazwischen und es wird wieder still.

Ein bisschen Freiheit

Der Psychologe will den Kindern in den knapp zwei Stunden eine Plattform geben, sich selber auszudrücken. «Sie können hier selbstbestimmt malen. Sie sind in diesem Moment frei», sagt er. Das sei ein Bedürfnis von Kindern im Kindergarten- und im Schulalter. Doch im Empfangszentrum sei die Situation speziell. «Die Kinder sind schliesslich nicht freiwillig hier.»

Trotz des Lebens in der Fremde und trotz dramatischer Erlebnisse seien die Kinder ganz normal – fast wie jedes andere in der Schweiz. «Klar merkt man teilweise, dass sie eine andere Geschichte haben», sagt Müller-Nienstedt. So wollten einzelne Kinder auf einmal so schnell wie möglich zurück zu ihrer Mutter. «In diesen Momenten spürt man die Unsicherheit.»

Weiterwarten

Einem Buben aus Sri Lanka macht das Malen bald keinen Spass mehr. Er geht. Müller-Nienstedt will in noch nach seinem Namen und seinem Alter fragen. Doch der Junge ist schnell weg. «Macht nichts», sagt der Psychologe. Eigentlich will er alle Bilder anschreiben. Er nimmt die Zeichnung des Buben und heftet sie zu den anderen an die Wand.

Nach und nach leert sich das Zimmer. Die letzten beiden Kinder übergeben ihre Werke Müller-Nienstedt und verlassen den Raum. Sie gehen wieder zu ihren Eltern in den Aufenthaltsraum, wo das Warten weitergeht. Müller-Nienstedt räumt die Farben weg. Er wird nächste Woche wieder mit einem Bund Papier unter dem Arm vorbeikommen und den Kindern das Warten etwas bunter gestalten.

Kabron aus Eritrea geniesst die Malstunden für Kinder im Empfangszentrum. (Bild: Michèle Vaterlaus)

Kabron aus Eritrea geniesst die Malstunden für Kinder im Empfangszentrum. (Bild: Michèle Vaterlaus)