Etiennes Traum lebt - trotz allem

Der Romanshorner Etienne Ettlinger will Profi-Basketballer werden. Doch seine ersten Monate in den USA waren sehr schwierig. Vieles ging schief, dazu bekam der 20-Jährige Probleme mit dem Knie. Doch er gab nicht auf. Nun startet er nochmals durch.

Daniel Walt
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Etienne Ettlinger trainiert wieder unter der Sonne Kaliforniens. (Bild: zVg)

Etienne Ettlinger trainiert wieder unter der Sonne Kaliforniens. (Bild: zVg)

Als Land der unbegrenzten Möglichkeiten sind die USA bekannt. Etienne Ettlinger bekam in den vergangenen eineinhalb Jahren vor allem eins aufgezeigt: seine Grenzen. «Es ging eigentlich alles schief, was schiefgehen konnte», sagt der 20-Jährige aus Romanshorn.

Voller Hoffnungen hatte Etienne Ettlinger Romanshorn im Sommer 2014 verlassen. Er wollte am College von Palm Desert im Bundesstaat Kalifornien Kommunikationswissenschaften studieren und sich im dortigen Basketballteam durchsetzen. Dies, um seinem grossen Traum, einem Profivertrag bei einem US-Team, einen Schritt näher zu kommen.

Allein im Haus ohne Tisch

Doch bereits die Ankunft in den USA stand unter einem schlechten Stern: Sein Gastvater war in den Ferien und verreiste danach für mehrere Monate nach Marokko. Ettlinger lebte völlig allein in einem Haus, das nicht einmal über einen Tisch verfügte. «Ich musste im Stehen essen», erinnert sich der Romanshorner. Und es tauchten weitere Probleme auf: Das Velo, das er sich zugelegt hatte, war pannenanfällig, so dass der junge Mann teils bei über 40 Grad zu Fuss mehrere Kilometer bis zum Training laufen musste. Prompt fiel er seinen Trainern negativ auf: Fernab von Familie und Freunden wirkte er immer unglücklicher. Dementsprechend konnte er die sportlichen Erwartungen kaum erfüllen.

Vom Pech verfolgt

In der Folge erschwerten Knieprobleme Ettlingers Leben in den USA zusätzlich. Um ihn in dieser schwierigen Situation zu unterstützen, flog seine Mutter für einen Kurzbesuch in die USA. Das Pech klebte dem jungen Mann aber auch weiter an den Füssen: Ettlinger, mittlerweile bei einer Schlummermutter untergekommen, hatte sich ein Auto zugelegt, das ebenfalls immer wieder schlappmachte. Zudem musste er aufgrund seiner Knieprobleme Forfait für die ganze Saison geben – und fiel endgültig in ein Loch. «Ich antwortete nicht mehr auf SMS von Trainern oder Kollegen, ging nicht mehr ins Training und in die Schule.» Aufheitern sollte ihn ein Besuch seiner Eltern über Weihnachten und Neujahr. Doch alles wurde noch schlimmer: «Wir wurden in einen Autounfall verwickelt – ein Lastwagen hatte uns den Vortritt genommen», berichtet Ettlinger. Verletzt wurde zwar niemand, es folgte aber ein langer Versicherungsstreit, der erneut an Ettlingers Nerven zehrte. Als an seinem Nachfolgewagen eines Morgens die Scheiben eingeschlagen waren, hatte Ettlinger genug: «Auch meine Eltern fanden, jetzt sei es Zeit, dass ich heimkomme.»

Die zweite Chance

Auf seinem rechten Oberarm trägt Etienne Ettlinger seit längerem ein Husky-Tattoo. Es symbolisiert für ihn Stärke und den Willen, niemals aufzugeben. Es verwundert deshalb kaum, wenn Ettlinger sagt: «Ich kam nur unter einer Bedingung in die Schweiz zurück: Meine Eltern mussten mir zusichern, dass sie mich später wieder in die USA gehen lassen würden.» Denn Ettlinger war nicht bereit, seinen grossen Traum aufzugeben – er wollte eine zweite Chance.

Auf einer Internet-Plattform startete er eine Geldsammlung – dank Familien- und Facebook-Freunden kamen innert 48 Stunden 3800 Franken zusammen. Der Romanshorner legte auch selbst Hand an, um zu Geld zu kommen. Er arbeitete beispielsweise bei der Wäscherei Bodensee in Münsterlingen. Und klapperte für das Zigarrenunternehmen Villiger Restaurant um Restaurant ab, um Promotion für dessen Produkte zu machen. Seit Anfang August ist Etienne Ettlinger nun zurück in den USA, und zwar in Livermore bei San Francisco. Er studiert am College Englisch. Seine Knieprobleme sind verflogen, und er arbeitet hart, um sich einen Stammplatz im Basketballteam der Schule zu sichern. «Ich bin nun reifer, mental stärker geworden. Mein Scheitern habe ich verarbeitet», sagt der bald 21-Jährige, der mit vier Teamkollegen in einer Zweizimmerwohnung lebt. Er habe den Glauben an das Schicksal und an die Mitmenschen wiedergefunden.

Gewachsen ist auch sein Respekt vor Sportlern, die es an die Spitze geschafft haben: Er habe gemerkt, wie wichtig die emotionale Stabilität für Topleistungen sei, sagt er. Dass positives Denken sportlichen Erfolg mit sich bringt, hat Ettlinger vor kurzem selbst erfahren: In dem Moment, in dem er seine ersten drei Punkte in einem Ernstkampf auf amerikanischem Boden warf.