Es tut weh, ist aber nötig

Kommentar Die Primarschulgemeinde Arbon will das Ferienheim Rossfall in Urnäsch verkaufen. Es gibt gute Gründe für ein Ja an der Abstimmung vom 22. September. Von Markus Schoch Alles hat seine Zeit. Was vor 100 Jahren wichtig und richtig war, muss es heute nicht mehr sein.

Markus Schoch
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Kommentar

Die Primarschulgemeinde Arbon will das Ferienheim Rossfall in Urnäsch verkaufen. Es gibt gute Gründe für ein Ja an der Abstimmung vom 22. September. Von Markus Schoch

Alles hat seine Zeit. Was vor 100 Jahren wichtig und richtig war, muss es heute nicht mehr sein.

Es ist ein Stich mitten ins Herz vieler Arboner. Die Primarschulgemeinde will das Ferienheim Rossfall in Urnäsch verkaufen, wo Generationen von Schülern in den letzten bald 100 Jahren ihre Sommerferien verbracht haben. Doppelt weh tut der radikale Schnitt mit der Vergangenheit, weil die Liegenschaft mit dem riesigen Umschwung für ein Butterbrot den Besitzer wechseln soll. Gerade einmal 200 000 Franken ist der Preis, den die Privatschule Schloss Kefikon dafür zahlen müsste. Allerdings gibt es niemanden, der mehr bieten würde. Für die Gegner des Verkaufs besonders bitter: Die Privatschule will das baufällige Haus für 600 000 bis 800 000 Franken sanieren und für Projektwochen nutzen.

Bitter ist das deshalb, weil die um vieles grössere Primarschule selber diese Möglichkeit nicht sieht. Die Arboner Lehrer haben die Wahlfreiheit und fahren mit ihren Schülern für Ferien- oder Projektwochen lieber ins Berner Oberland oder ins Wallis. Kaum einer von ihnen würde dem «Rossfall» eine Träne nachweinen, wenn ihnen das Haus im Appenzellerland nicht mehr zur Verfügung steht, wie eine Umfrage ergeben hat.

Für die Primarschulgemeinde ist der «Rossfall» deshalb seit Jahren nur noch ein Kostenfaktor. Verwendung hat sie eigentlich keine mehr für die Liegenschaft, weshalb sie schon vor Jahren die Bevölkerung um Vorschläge bat, wie das Haus besser oder anders genutzt werden könnte – ohne jedes Echo. Deshalb entschied sich die Behörde, den «Rossfall» zum Verkauf auszuschreiben. In diesem Jahr führte die Primarschulgemeinde noch während einer Woche ein Schülerlager durch – das war es. Die meiste Zeit trainiert ein auswärtiger Judoclub in den Räumlichkeiten, zu denen eine Turnhalle gehört.

Die Gegner der Vorlage argumentieren, die Primarschulgemeinde sei selber schuld daran, dass kein Interesse mehr am «Rossfall» bestehe: Sie habe seit Jahren nichts mehr in den Unterhalt investiert, weshalb das Haus in einem schlechten Zustand sei, was es unattraktiv mache. Es ist die klassische Frage, was zuerst war: das Huhn oder das Ei. Das gegnerische Komitee ist sicher: Sind die WC geflickt und ist die Küche neu, geht es mit dem «Rossfall» wieder aufwärts. Nicht nur Schulen, sondern auch Vereine, Hochzeitsgesellschaften oder Firmen würden für eine grössere Auslastung des Hauses sorgen – eine aktive Vermarktung vorausgesetzt. Im Moment gibt es allerdings nicht den Hauch eines Hinweises, dass sich diese Erwartung erfüllen könnte. Kein einziger Arboner Verein hat sich bis jetzt für den Verbleib des «Rossfalls» bei der Primarschule stark gemacht, und auch nicht die IG Sport als Interessengruppe. Das ist ein sehr schlechtes Zeichen.

Und selbst wenn es anders wäre. Es kann nicht Aufgabe der Primarschule sein, ein Ferienhaus zu betreiben, das sie hauptsächlich an Dritte vermietet und damit viel Aufwand hat, nur um weiter im Sommer in Eigenregie ein ein- oder zweiwöchiges Lager für Schüler durchführen zu können. Das wäre Verhältnisblödsinn. Zumal die Sommerlager der Primarschule so oder so zumindest in den nächsten drei Jahren sicher weiter in Urnäsch stattfinden können. Die Privatschule Kefikon ist vertraglich verpflichtet, sie vorderhand anzubieten. Und bestrebt, die Tradition aufrecht zu erhalten. Es gibt keinen Grund, am guten Willen der Verantwortlichen zu zweifeln.

Dass der «Geist» des «Rossfalls» mit dem neuen Besitzer verloren geht und die Lager deshalb keine Zukunft haben, wie die Gegner des Verkaufs befürchten, ist eine Angst, die schwer nachvollziehbar ist. Es sind nicht die Farben der Wände oder die Muster der Vorhänge, die für unvergessliche Ferientage sorgen, sondern Menschen, mit denen man zusammen ist. Selbst ein Jungwachtlager auf dem Waffenplatz Bure kann zu einer der schönsten Kindheitserinnerungen werden – weil die besten Kollegen dabei waren.

Alles hat seine Zeit. Was vor 100 Jahren richtig und wichtig war, muss es heute nicht mehr sein. Die evangelische Kirchgemeinde Arbon hat unlängst beschlossen, dass sie das 1883 gebaute Alters- und Pflegeheim an der Romanshornerstrasse aufgeben will, weil sie den Betrieb nicht mehr zu ihren Kernaufgaben zählt. Beim «Rossfall» fehlt sogar das Bedürfnis. Es ist darum nur konsequent, ihn zu verkaufen, auch wenn das Herz blutet.

markus.schoch@thurgauerzeitung.ch