Es mangelt an Willkommenskultur

In Kreuzlingen werden weniger Ausländer eingebürgert als anderswo. Viele Betroffene haben ihre Mühe mit dem nötigen Prozedere, Schweizer zu werden. Wie das SP-Stadtgespräch zeigte, empfinden sie die Tests als unangenehm.

Urs Brüschweiler
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Anà Tomàs, Präsidentin des Ausländerbeirats, Monica da Silva, die sich nicht einbürgern lässt, Moderatorin Nina Schläfli, Ex-Einbürgerungskommissions-Präsident Daniel Lauber, Neu-Schweizer Giuseppe Custodero und die städtische Integrationsbeauftragte Zeljka Blank ergründeten die Probleme des Schweizer-Machens. (Bild: Urs Brüschweiler)

Anà Tomàs, Präsidentin des Ausländerbeirats, Monica da Silva, die sich nicht einbürgern lässt, Moderatorin Nina Schläfli, Ex-Einbürgerungskommissions-Präsident Daniel Lauber, Neu-Schweizer Giuseppe Custodero und die städtische Integrationsbeauftragte Zeljka Blank ergründeten die Probleme des Schweizer-Machens. (Bild: Urs Brüschweiler)

KREUZLINGEN. «Ich hatte nicht den Eindruck, dass man sich auf uns freut.» Diese Aussage eines eingebürgerten Deutschen charakterisiert die Stimmungslage der Kreuzlinger Ausländer im Einbürgerungsverfahren. Den Weg, Schweizer Bürger zu werden, empfinden zumindest die meisten Besucher der Podiumsdiskussion als mühselig, befremdend oder schlicht unnötig. Die SP Kreuzlingen brachte das Thema Einbürgerungen im Rahmen ihrer Stadtgespräche am Mittwochabend aufs Parkett. Offensichtlich ein Thema, das bewegt. Gemeinderätin Nina Schläfli durfte rund 60 Personen, darunter viele direkt Betroffene, im Torggel Rosenegg begrüssen. Eine Zahl, welche die SP mit ihren Stadtgesprächen nur selten erreicht. Parteipräsident Cyrill Huber freute sich denn auch, dass auch die «andere Seite von Kreuzlingen», sprich die Nichtstimmberechtigten, zum Zuge kommen. Ausgangspunkt der Diskussion war die aussergewöhnlich tiefe Einbürgerungsquote in der Grenzstadt. Nur etwa 0,3 Prozent der vielen Kreuzlinger ohne Schweizer Pass lassen sich jährlich einbürgern.

Aus Trotz kein Schweizer

«Insbesondere die Jungen muss man mehr ermutigen», meinte Zeljka Blank, die Integrationsbeauftragte der Stadt. «Sie fühlen sich verletzt, wenn man sie fragt, ob sie wirklich dazu gehören.» Von Trotzreaktion berichtete auch Giuseppe Custodero, der kürzlich erst eingebürgert wurde. In seiner Jugend verzichtete er noch bewusst darauf, nachdem die Stimmbürger 2004 die erleichterte Einbürgerung für Secondos verworfen hatten.

Das Verfahren war dann für Custodero eher befremdlich. «Ich wurde gefragt, welches gute Restaurants sind in Kreuzlingen. Als in Kreuzlingen Geborener kann ich das fast nicht akzeptieren.» Er findet die Prüfung unnötig, zumindest für jene, die schon immer hier leben. «Wenn ich den Test nicht bestünde, hätte ja das hiesige Schulsystem versagt.»

Wie vor Gericht

Anà Tomàs ist Präsidentin des Kreuzlinger Ausländerbeirates und kennt das Verfahren ebenfalls aus persönlicher Erfahrung. «Bei der Befragung durch die Einbürgerungskommission kann man sich schon vorkommen wie vor Gericht.» Sie wünscht sich eine Willkommenskultur. Auch aus der Zuhörerschaft meldeten sich noch viele Personen, welche ähnliche Eindrücke schilderten. Es gab aber auch Stimmen, die gute Erfahrungen wiedergaben.

Daniel Lauber, der die Kreuzlinger Einbürgerungskommission bis vor kurzem und während mehr als eines Jahrzehnts präsidierte, verteidigte das Vorgehen. Mit dem schriftlichen Test und der Befragung versuche man, die Integration messbar zu machen, was nicht einfach sei. Man habe vor wenigen Jahren das Verfahren angepasst. Es sei zweckmässig und für alle Beteiligten tragbar. Er attestiert aber auch, dass durchaus noch eine Optimierung möglich sei.

Zeljka Blank brachte es auf den Punkt: «Wir haben ein System, das allen gerecht werden will. Am Ende reift aber die schmerzhafte Erkenntnis, dass wenn alle die gleiche Prüfung machen müssen, ungeachtet ihrer Hintergründe und Lebenssituationen, es eben gerade nicht gerecht ist.»

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