«Es ist heilsam, zu reden»

AMRISWIL. Die Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft bietet für MS-Betroffene Beratungen zu sozialen Fragen an. Unter dem Dach der Pro Infirmis wird die MS-Sprechstunde auch in Amriswil angeboten.

Maya Mussilier
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Ramon Aubert berät MS-Betroffene: Eine Sprechstunde wird unter anderem auch bei der Pro Infirmis in Amriswil angeboten. (Bild: Maya Mussilier)

Ramon Aubert berät MS-Betroffene: Eine Sprechstunde wird unter anderem auch bei der Pro Infirmis in Amriswil angeboten. (Bild: Maya Mussilier)

«Sie leiden an Multipler Sklerose.» Diese Diagnose hat die junge Frau – noch nicht einmal 30 Jahre alt – vor kurzem bekommen. Sie hat sich entschlossen, sich aktiv zu informieren, welche Möglichkeiten ihr in beruflichen Fragen offen stehen und welche Hilfen sie sich bei Bedarf holen kann. Über die Homepage der Schweizerischen MS-Gesellschaft hat sie herausgefunden, dass auch in Amriswil eine MS-Sprechstunde angeboten wird.

Beratungsstelle in Amriswil

Seit über fünf Jahren berät Ramon Aubert MS-Patienten. Er kennt ihre Probleme und weiss um ihre Ängste. Seit einem Jahr wird die MS-Sprechstunde unter dem Dach der Pro Infirmis in Amriswil angeboten. Er sei aber auch öfters auf Hausbesuchen in der Umgebung, sagt Ramon Aubert. Für viele MS-Betroffene sei das Reisen ein Problem. Dies sei mit ein Grund gewesen, weshalb die Schweizerische Gesellschaft näher zu den Betroffenen rücken wollte.

Sehr oft fühlten sich MS-Betroffene unverstanden, sagt Ramon Aubert. «Sie haben es satt, sich jedes Mal zu erklären.» So sei ein Betroffener nicht dumm, wenn er den Faden verliere, sondern habe kognitive Beeinträchtigungen, Müdigkeit sei keine Faulheit, und das vermehrte Aufsuchen der Toilette habe mit Inkontinenz zu tun, erklärt der Fachmann. Wenn dann jemand da sei, der wisse um was es gehe, sei das für MS-Betroffene oft wie ein Stück «Heimat».

Es gibt viele Ängste

«Wir bieten primär eine Sachhilfe an», sagt Ramon Aubert. Viele Fragen von Betroffenen drehen sich darum, ob der Arbeitgeber über die Krankheit informiert werden muss, wie die Sozialversicherung eingeschaltet werden kann. Konkret: Wie die Anmeldung bei der Invalidenversicherung erfolgt.

«Hinter den Sachfragen stehen auch oft psychosoziale Themen», sagt Ramon Aubert. «Da gibt es viele Ängste. Oft auch Schamgefühle, weil man nicht als Sozialschmarotzer dastehen will, oder aber Beziehungsprobleme.» Es sei ihre Aufgabe, diese Themen ebenfalls anzusprechen. «Wir sind keine Therapeuten», betont der Berater. «Aber manchmal ist es für die Betroffenen allein schon heilsam, wenn sie ihren Korb einmal leeren dürfen. Wenn sie spüren, dass sie mit ihrem Problem nicht allein dastehen.»

Frühzeitig Hilfe holen

Es gibt Betroffene, wie die eingangs erwähnte junge Frau, die schnell Hilfe bei den Fachleuten holen, andere kommen erst, wenn sie in irgendeiner Form anstehen. Ramon Aubert rät, sich frühzeitig beraten zu lassen. «Hat man die Krankheit verinnerlicht, kann man die Sachfragen punktuell angehen.» Damit meint er beispielsweise das Gespräch mit dem Wohnungsvermieter bezüglich nötiger Umbauten oder dem Arbeitgeber. Gerade das Gespräch mit dem Arbeitgeber könne Betroffene von grossem Druck befreien. «Haben Betroffene Angst davor, ihre Stelle zu verlieren, versuchen sie ihre Beeinträchtigungen zu verstecken, was zu andauernden Stresssituationen führt. Und Stress ist bei dieser Krankheit wie Gift.» Meist würden die Arbeitgeber Verständnis für die betroffenen Personen zeigen und mit ihnen nach Lösungen suchen. Es sei wesentlich schwieriger, einen neuen Job für einen MS-Betroffenen zu finden. Mit Umbauten, beispielsweise eines Badezimmers, könne die Autonomie eines Betroffenen verlängert und Unfälle vermieden werden, sagt Ramon Aubert.

Auch für Angehörige

Beratungen bietet die MS-Sprechstunde nicht nur MS-Betroffenen selbst an. Auch Menschen, die einen Verdacht auf MS hegen oder Angehörige von MS-Betroffenen dürfen sich melden. «Wir versuchen aber bei Angehörigen, die erkrankte Person ins Gespräch einzubeziehen», sagt Ramon Aubert. Es komme häufig vor, dass sie Paare beraten würden, manchmal auch Familien.

Die MS-Sprechstunde bei der Beratungsstelle an der Kirchstrasse 25 in Amriswil kann auf Voranmeldung unter 0844 674 636 besucht werden.

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