«Es ist ganz städtisch hier»

Der ehemalige Weinfelder Gemeindeschreiber Martin Sax gibt einen Bildband mit etwa 350 Weinfelder Ansichtskarten aus der Zeit um 1900 heraus. Eine erheiternde Sammlung von witzigen Texten und manchmal unrealistischen Bildern.

Esther Simon
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Er ist stolz auf sein neuestes Werk: Martin Sax in seiner Wohnung in Weinfelden mit dem Buch über Weinfelder Postkartengrüsse aus der Zeit um 1900. (Bild: Reto Martin)

Er ist stolz auf sein neuestes Werk: Martin Sax in seiner Wohnung in Weinfelden mit dem Buch über Weinfelder Postkartengrüsse aus der Zeit um 1900. (Bild: Reto Martin)

WEINFELDEN. «Es wäre schön hier, wenn ich nur mehr Geld hätte», heisst es auf einer Ansichtskarte aus Weinfelden um 1900. Kathrin und Jakob Keller schreiben am 1. September 1903: «Es ist ganz städtisch hier.» Auf einer anderen Karte steht: «Augenblicklich sind wir in hier». So lautet auch der Titel des Bildbandes, den der ehemalige Weinfelder Gemeindeschreiber Martin Sax am 5. November erstmals der Öffentlichkeit vorstellt.

Hersteller schummelten

Martin Sax veröffentlicht in seinem neuesten Bildband etwa 350 Ansichtskarten, die alle aus der Zeit um 1900 stammen – alle natürlich mit Sujets aus dem Dorf. Beliebteste Darstellungen waren das Rathaus, die reformierte Kirche und das Schloss. Wobei die Hersteller der Karten gelegentlich etwas schummelten: So färbten sie Dächer im Dorfzentrum blau ein, wo sie doch braun waren, und der Turm der evangelischen Kirche geriet manchmal viel zu hoch, was vielleicht einem Wunschtraum entsprochen hatte.

Der Vollmond im Norden

Auf einer anderen Karte steht der Vollmond im Norden. Ein Ding der Unmöglichkeit. Aber solche Bildansichten – und die Texte – veranlassen den einen oder anderen Betrachter vielleicht zu einem herzhaften Lachen. Die im Bildband versammelten Postkarten stammen alle aus Privatbesitz. «Mein Ziel ist, diese Sammlungen öffentlich zugänglich zu machen», sagt der Buchautor. «Wer weiss, was mit diesen Karten später einmal geschieht.» Für Sax sind die Karten auch insofern wertvoll, als sie ein lebendiges Bild über die damalige Zeit und die Dorfgeschichte vermitteln. Jeder Weinfelder schrieb um 1900 etwa 30 Karten jährlich. Die Karten funktionierten wie die heutigen Kurznachrichtendienste. Es gibt Hinweise, dass die Post damals mehrmals pro Tag verteilt wurde. Mit Karten konnte man sich also auch kurzfristig verabreden. Und «V. D. D. l. J.» hiess schon damals «Von Deinem Dich liebenden J.».

600 Exemplare

Gestaltung und Druck des Buches besorgt die Wolfau-Druckerei. Der Weinfelder Historiker Michael Mente hat ein kluges Vorwort geschrieben. Das Buch erscheint in einer Auflage von 600 Exemplaren. Herausgeberin ist die Gemeinde Weinfelden mit Unterstützung der Bürgergemeinde Weinfelden.