Es bleibt ein mulmiges Gefühl

Eigentlich ist es eine ruhige, fast beschauliche Gegend, hier in Sulgen, angrenzend an den Sportplatz beim Auholzsaal. Klar, hin und wieder nerven ein paar laut knatternde Mopeds. Und wenn sich die Sportler auf dem Platz zu einem Wettkampf treffen, kann's auch mal kurzzeitig etwas lauter werden.

Rita Kohn
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Die Treppe zum Einstieg in die Zivilschutzanlage in Sulgen. (Bild: Andrea Stalder)

Die Treppe zum Einstieg in die Zivilschutzanlage in Sulgen. (Bild: Andrea Stalder)

Eigentlich ist es eine ruhige, fast beschauliche Gegend, hier in Sulgen, angrenzend an den Sportplatz beim Auholzsaal. Klar, hin und wieder nerven ein paar laut knatternde Mopeds. Und wenn sich die Sportler auf dem Platz zu einem Wettkampf treffen, kann's auch mal kurzzeitig etwas lauter werden. Aber bis jetzt war es friedlich.

Man hätte denken können, die Mitteilung, dass bald bis zu 120 Flüchtlinge gerade hier, zwischen Sportplatz und Primarschulhaus, untergebracht sein werden, würde einschlagen wie eine Bombe. Natürlich, die Reaktionen liessen nicht lange auf sich warten. Aber die fremdenfeindlichen Parolen und die Ablehnung blieb – zumindest öffentlich geäussert – in der Minderheit.

Noch ist es friedlich

Mein täglicher Spaziergang mit den Hunden führt direkt am Luftschutzbunker vorbei, in den gestern die ersten Flüchtlinge eingezogen sind. Davon, dass hier plötzlich alles anders werden könnte, ist am Sonntagmittag noch nichts zu spüren. Die Gegend ist so friedlich wie eh und je. Ein paar Kinder sitzen auf dem Spielplatz der Schulanlage, zwei Mädchen hocken auf der Treppe, die zum Einstieg in die Unterkunft führen und tuscheln kichernd miteinander.

Neugierig späht der kecke Filou zu den Mädchen hinüber. Zu gerne würde er mal kurz schnuppern. Ob die Mädchen künftig da auch noch so unbeschwert sitzen werden, schiesst es mir durch den Kopf, während ich die Leine straffer ziehe und meinem dickschädeligen Dackel zu verstehen gebe, dass die Mädchen unter sich sein möchten.

Sie fürchten sich

Ein Paar mit Hund kommt entgegen. Die Hunde kennen sich von verschiedenen Begegnungen, man bleibt stehen und unterhält sich. Seufzend blickt die Frau um sich. «Schade, dass man hier künftig nicht mehr durchgehen kann», sagt sie. Ich stutze. Wieso, will ich wissen. Es werde doch nichts abgesperrt. «Ich habe Angst vor den Typen, die hierher kommen», sagt sie. Ihr Mann schweigt. Sein Unbehagen ist ihm ins Gesicht geschrieben, aber er will nichts dazu sagen.

Während ich weitergehe, lasse ich mir durch den Kopf gehen, was die Hundehalterin gesagt hat. Muss ich mir jetzt Gedanken machen, wo ich mit den Hunden spazieren kann? Ich weigere mich, die Situation so zu sehen. Es wird ein Miteinander geben. Oder wenigstens ein Nebeneinander. Ausserdem hat die Gemeinde versprochen, dass es einen Sicherheitsdienst gibt, der aufpasst, dass nichts aus dem Ruder läuft.

Ist es nur ein Anfang?

Montagmorgen. Auf der Strasse sind Kleckse in oranger Neonfarbe zu sehen. Ein Hakenkreuz, verschiedene Parolen. Jetzt wird der Hals doch eng. Mit den Hunden geht es fürs erste in eine andere Richtung. Das seltsame Gefühl bleibt. Gestern nacht war die Schmiererei doch noch nicht da, als ich zum letzten Mal die Vierbeiner ums Quartier führte. Sie ist auch jetzt nur kurz zu sehen, bald ist sie weggewischt.

Das mulmige Gefühl lässt sich aber nicht so einfach wegwischen. Es ist aber nicht die Angst vor den Flüchtlingen, die die Kehle zuschnürt. Es ist ein ungutes Gefühl gegenüber jenen, die mitten in der Nacht Symbole aufsprayen, die mit einer differenzierten Denkweise nichts zu tun haben. Wenn sich ein diffuses Gefühl von Unbehagen breit macht, dann wegen Menschen, die nachts fremdenfeindliche Parolen aufsprayen. Werden sie vor weiteren Angriffen zurückschrecken? Oder wird dieser beschauliche Flecken nun zu einem Brennpunkt? Züngeln hier etwa schon braune Flammen? Die Sprayereien verlangen auf jeden Fall künftig ein genaues Hinsehen.