Erster Stolperstein für Tägerwilen

Der Deutsche Otto Vogler wurde im KZ Dachau ermordet. Ein Stolperstein vor dem Trompeterschlössle in Tägerwilen soll an sein Schicksal erinnern. Hier hatte Vogler mit seiner Schweizer Frau und den vier Kindern etwa sechs Jahre gelebt.

Katharina Brenner
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Der Stolperstein für Otto Vogler wird vor seinem letzten Wohnort verlegt, dem Trompeterschlössle in Tägerwilen. (Bild: Andrea Stalder)

Der Stolperstein für Otto Vogler wird vor seinem letzten Wohnort verlegt, dem Trompeterschlössle in Tägerwilen. (Bild: Andrea Stalder)

TÄGERWILEN. Stein für Stein, eng beieinander, abgetreten, grau. Zwischen den Pflastersteinen glänzen matte Quadrate aus Messing. Darauf Inschriften: Namen, Jahreszahlen, Orte. Sie erzählen die Geschichte. Sie erzählen von Verfolgten und Ermordeten. Über 50 000 Stolpersteine des deutschen Künstlers Gunter Demnig erinnern in ganz Europa an die Opfer des Nationalsozialismus.

Im Thurgau gibt es bereits zwei Stolpersteine – an der Schäflerstrasse 7 und 11 in Kreuzlingen, für die beiden Fluchthelfer Andreas Fleig und Ernst Bärtschi. Am 13. September kommt vor dem Trompeterschlössle in Tägerwilen ein dritter Stein dazu; mit der Inschrift: «Hier wohnte Otto Vogler, Jg. 1876, im Widerstand verhaftet 1938, Zuchthaus Ludwigsburg, Neuengamme, Dachau, ermordet 14.12.1941».

Mit Schweizerin verheiratet

Wer war Otto Vogler? Er wurde am 18.10.1876 bei Überlingen auf der deutschen Seeseite geboren. Er arbeitete als Haus- und Empfangsdiener in Frankreich und England, bevor er 1915 freiwillig in den Ersten Weltkrieg zog. Er wurde ein Jahr später abgezogen, weil er in Mazedonien an Malaria erkrankt war.

Zurück in Deutschland heiratete Vogler 1920 die Schweizerin Adele Zwahlen aus der Nähe von Interlaken. Das Paar hatte vier Kinder. Zwei Söhne fielen im Krieg, ein Sohn brachte sich später um. Die einzige Tochter blieb kinderlos. «Eine ganze Familie, die durch den Krieg ausgelöscht wurde – in dieser Geschichte steckt viel Tragik», sagt Uwe Brügmann. Der ehemalige Leiter der Stadtbücherei Konstanz ist Mitglied der Initiative «Stolpersteine für Konstanz – Gegen Vergessen und Intoleranz».

160 Stolpersteine hat der Verein in den vergangenen Jahren verlegt. «Wir möchten alle, die spurlos verschwunden sind, beim Namen nennen», sagt Brügmann. Zu den Opfern gehören bekanntlich Juden, politisch und religiös Verfolgte, Homosexuelle, Deserteure, Sinti und Roma sowie Opfer der Euthanasie. Wenn am 13. September in Tägerwilen der Stolperstein für Vogler verlegt wird, kommen auch in Konstanz 18 neue dazu.

Brügmann ist im Staatsarchiv Freiburg auf Voglers Biographie gestossen. Dieser war 1932 mit seiner Familie ins Trompeterschlössle in Tägerwilen gezogen. In der Konstanzer Altstadt eröffnete Vogler ein kleines Geschäft für Butter, Eier und Käse.

«Dummköpfe in der Regierung»

Zweimal wurde Vogler in den 30er-Jahren zu Gefängnisstrafen verurteilt. Er hatte betrunken gegen die Nazis gewettert. Die Strafen wurden ihm erlassen, Vogler liess sich nicht mundtot machen: Im Oktober 1938 sagte er im Gasthaus «Zum Zollhof» in Emmishofen neben anderen kritischen Äusserungen: «Wir haben in Deutschland nur Dummköpfe in der Regierung.» Deutsche Gäste denunzierten ihn bei der Gestapo.

Wenige Tage später wurde er in seinem Konstanzer Laden verhaftet und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Eben aus der Haft in Ludwigsburg entlassen, verhaftete ihn die Gestapo am 21. November 1940 erneut. Ohne ein Verfahren kam Vogler ins KZ Dachau. Es sei gängige Praxis gewesen, Häftlinge nach ihrer Entlassung vor dem Gefängnis abzuholen und ins KZ zu bringen, sagt Brügmann. Ende Januar 1941 wurde Vogler in das KZ Neuengamme bei Hamburg verlegt, wenige Monate später zurück nach Dachau. Dort starb er am 14. Dezember 1941.

Die Verlegung des Steins vor dem Trompeterschlössle am 13. September ist öffentlich, sie beginnt um 14.15 Uhr. «Ich finde die Stolpersteine eine sehr gute Sache», sagt Markus Thalmann, der Gemeindepräsident von Tägerwilen. Weitere Stolpersteine im Thurgau seien derzeit keine geplant. Aber die Suche in den Archiven geht weiter – damit kein Opfer vergessen wird.

Markus Thalmann Gemeindepräsident Tägerwilen (Bild: Nana do Carmo)

Markus Thalmann Gemeindepräsident Tägerwilen (Bild: Nana do Carmo)

Uwe Brügmann Mitglied der Initiative «Stolpersteine für Konstanz» (Bild: pd)

Uwe Brügmann Mitglied der Initiative «Stolpersteine für Konstanz» (Bild: pd)