Erinnerungen an den Krieg

Peterchens Mondfahrt

Annina Flaig
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«Wieso hat es am Himmel so viele Monde?» Das fragt der kleine Kurt aus Kreuzlingen seine Mutter in der Finsternis. Doch es sind keine Monde. Friedrichshafen wird bombardiert. Die Welt ist im Krieg. Einmal steht Kurt draussen auf der Strasse, als angebrannte Couverts über seinem Kopf im Winde flattern. Das war, als die Couvert-Fabrik in Flammen aufging.

In der Schule sammeln Kurt und seine Gspänli in einer Tasse Geld für das Rote Kreuz. Die Spenden gehen an Bedürftige in Konstanz. Zum Dank wird Kurt zusammen mit seinen Schulkameraden von der Stadt Konstanz ins Stadttheater eingeladen. Es ist 1946, kurz nach Kriegsende. Die Schüler sind fasziniert vom Stück «Peterchens Mondfahrt». Besonders angetan sind sie vom Maikäfer Sumsemann, der sein verlorenes Beinchen sucht. «Er wurde mit einer Seilwinde zum Mond hinauf gezogen», erinnert sich der heute 78-jährige Kurt Meyer.

Dieser Moment fasziniert den damals Achtjährigen so, dass er ihn zeitlebens nicht vergisst. Auch der Frau, die ihn später heiratet, erzählt er davon. Und selbst seine Kinder kennen die Geschichte vom fliegenden Maikäfer am Seil.

Erst jetzt, 70 Jahre später, besucht der Gründer und Leiter der Segelschule Kreuzlingen das Stadttheater Konstanz wieder. Denn die über 100-jährige Geschichte wird dort aktuell als Weihnachtsstück neu inszeniert und aufgeführt. «Ich liess es mir nicht nehmen, mir das Stück noch einmal anzusehen.» Und als er dann im grossen Saal sitzt, werden plötzlich all seine Erinnerungen an das Kreuzlingen der Nachkriegszeit wach. «Es ist eindrücklich, was dieses Kindermärchen mit mir macht», erzählt er emotional. Vielleicht ergeht es anderen älteren Kreuzlingern ja ähnlich? Die Geschichte sei immer noch wunderschön. Nur auf die Seilwinde, mit der der Maikäfer vor 70 Jahren zum Mond geflogen ist, hat er bei der Neuinszenierung vergeblich gewartet.

Annina Flaig

annina.flaig@thurgauerzeitung.ch