Er spricht auch mit Mördern

Hansruedi Lees ist Pfarrer der Evangelischen Kirchgemeinden Lipperswil und Wäldi. Wie er sich um das Seelenheil von Häftlingen kümmert, erzählte er am Bistro-Abend im Kirchenzentrum Steinacker.

Monika Wick
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Gast am Bistro-Abend der Evangelischen Kirchgemeinde Sulgen: Gefängnisseelsorger Hansruedi Lees. (Bild: Monika Wick)

Gast am Bistro-Abend der Evangelischen Kirchgemeinde Sulgen: Gefängnisseelsorger Hansruedi Lees. (Bild: Monika Wick)

«Wenn ich den ersten Raum betreten habe, wird die Türe hinter mir immer verschlossen. Dasselbe geschieht auch bei allen anderen Räumen», erklärte Hansruedi Lees am Freitagabend zu Beginn seines Vortrages im Kirchenzentrum Steinacker. Lees kümmert sich neben seiner Tätigkeit als Pfarrer der Evangelischen Kirchgemeinden Lipperswil und Wäldi um das Seelenheil der Inhaftierten im Kantonalgefängnis in Frauenfeld. Im Gegensatz zum Seelsorger dürfen die Delinquenten die Strafanstalt nach ein paar Stunden nicht wieder verlassen.

«Die Untersuchungshaft ist eine überaus schwierige Situation. Jeglicher Kontakt nach aussen ist in dieser Phase untersagt», berichtete der Seelsorger. In dieser Zeit sind viele Personen sehr froh über einen Besuch von Hansruedi Lees. Auch wenn nach einer halbjährigen Haftzeit der briefliche Kontakt mit der Familie plötzlich versiegt und statt der Briefe oder Kinderzeichnungen auf einmal Scheidungspapiere im Postfach liegen, hat Hansruedi Lees immer ein offenes Ohr für die Betroffenen.

Von den Gesprächen wird nichts preisgegeben

In den Zellen des Thurgauer Kantonalgefängnisses in Frauenfeld sitzen Männer aus den verschiedensten Nationen ein. Dazu kommt noch eine kleine Frauenabteilung mit insgesamt sechs Zellen. «Mit der französischen oder englischen Sprache komme ich in der Regel sehr weit. Ansonsten helfen mir Gefangene bei der Übersetzung», stellte Lees fest. Die Gespräche, welche der Pfarrer mit den Inhaftierten führt, obliegen – wie bei einem Arzt – der Schweigepflicht.

Das Amtsgeheimnis darf einzig beim Verdacht auf eine Suizidgefährdung gebrochen werden. «Isolation, Schulden oder der Verlust des normalen Lebens können Kurzschlussreaktionen verursachen. Schon oft waren Häftlinge froh, dass sie an ihren Vorhaben gehindert wurden.»

Vor seinen ersten Besuchen in den Zellen hat Hansruedi Lees jeweils nicht die geringste Ahnung, was ihn überhaupt erwartet oder weswegen die Person, auf die er in wenigen Augenblicken treffen wird, inhaftiert wurde. «Einmal hat mir ein Täter den von ihm begangenen Mord in allen Einzelheiten geschildert, während andere versuchen, ihre Tat durch eine Ausnahmesituation – Alkohol oder einen Blackout – zu erklären.» Das Gehörte, oft handelt es sich um sehr tragische Geschichten, muss Hansruedi Lees selber verarbeiten.

Abschliessend erklärte der Gefängnisseelsorger, dass Hoffnung nur dann wachsen kann, wenn der Mensch seine Tat bereut und er auch bereit ist, die eigene Situation aufzuarbeiten.

Yvonne Kohler vom Bistro-Team der Evangelischen Kirchgemeinde Sulgen interessierte sich nach dem Vortrag dafür, wie die Mahlzeiten im Gefängnis aussehen. Der Grund für die Frage lag an den Gedanken, die sich das Bistro-Team im Vorfeld des Anlasses gemacht hatte. Auf den festlich gedeckten Tischen stand eine aus Drahtgitter gefertigte Dekoration. Als Menu servierte man aber nicht wie einem Klischee entsprechend Wasser und Brot, sondern eine Gulaschsuppe und Brot sowie eine Linzertorte mit Gittermuster.