Er blickt hinter die Fassaden

NEUKIRCH. Der Lehrer, Journalist und Entwicklungshelfer Hansjörg Enz war Gast beim Seniorennachmittag der TKB. Er nahm die Zuhörer mit auf eine Reise durch sein Leben – vom Schulzimmer über das TV-Studio bis ins Krisengebiet Kongo.

Trudi Krieg
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Ein begehrtes Autogramm: Hansjörg Enz signiert nach dem Referat am Seniorennachmittag CDs seiner Band Galgevögel. (Bild: Trudi Krieg)

Ein begehrtes Autogramm: Hansjörg Enz signiert nach dem Referat am Seniorennachmittag CDs seiner Band Galgevögel. (Bild: Trudi Krieg)

Der Seniorennachmittag sei ein traditioneller Anlass, den die Thurgauer Kantonalbank (TKB) ihren pensionierten Kunden jährlich anbiete, erklärte Walter Eggenberger, Leiter der TKB-Geschäftsstelle Romanshorn, bei der Begrüssung der Besucher in der Rietzelghalle. Unter dem Motto «Us em Thurgau für de Thurgau» freute er sich, Hansjörg Enz als Referenten ankünden zu dürfen.

Verständnisvolle Ehefrau

Gitarre spielend und singend trat Hansjörg Enz vor das Publikum. Ganz Showman, ein Energiebündel mit Wortwitz, aber auch mit Tiefgang. Ein Mann, der vieles gesehen und erlebt hat, und der das Publikum sogleich hineinzog in die Fülle seines Lebens. Von der ersten bis zur letzten Minute des Auftritts waren die 450 geladenen Gäste der Thurgauer Kantonalbank gespannt und aufmerksam.

Mit der Liedzeile «Grossvater, du etz chan is, etz hanis doch no glernt, s Maie mit de Sägis» begann Enz seinen Vortrag. Er erzählte von seinen Grosseltern und Eltern, die alle Bahnwärter und Bähnler waren. Primar- und Sekundarlehrer, Redaktor bei «Radio aktuell» und beim «Nebelspalter», Entwicklungshelfer und Ausbildner für Journalisten im Kongo – das waren Stationen im Leben von Enz. Dazu gehört auch seine Frau Anita, die ihn nie hinderte, all das zu tun, was ihm wichtig war, auch wenn er so für Monate oder gar Jahre von der Familie getrennt war.

Bekannt aus der Tagesschau

Vielen der Anwesenden war Enz bekannt aus den Neunzigerjahren, in denen er als Tagesschau-Moderator das Weltgeschehen in die Stuben brachte. Aufschlussreich waren seine Ausführungen zur Berichterstattung aus Krisengebieten.

Früher waren Kriegsberichterstatter vor Ort, ein grosses «P» für «Presse» auf der Kleidung schützte sie einigermassen. Inzwischen wagen TV-Stationen kaum mehr, ihre Journalisten in Kriegsgebiete zu schicken. Zu viele Journalisten haben ihr Leben verloren. Die Bilder für die Berichterstattung kommen seither oft von Propagandaorganisationen der Kriegsparteien oder von privaten Handys mit unbekannter Herkunft. Enz: «Wie soll man da wissen, was wirklich los ist?» Er reiste auch selber und blickte hinter die Fassaden. So entdeckte er etwa einen Vater, der jeden Tag auf einem Friedhof in Mostar weinend den Grabstein seines im Jugoslawien-Krieg gefallenen Sohnes putzte.

Mit 47 sei seine Karriere beim Fernsehen aus «organisatorischen Gründen» beendet worden, erzählte Enz. Eine ungewohnte Situation für den Tatmenschen. Die Zeit der Neuorientierung verbrachte Enz in einem slowenischen Kloster, wo er mit Mönchen schwieg und in der Nacht betete, um ein gutes Karma auf die Erde zu holen.

Entwicklungshelfer in Afrika

2008 packte Enz etwas Neues an. Er ging als Entwicklungshelfer für Medienprojekte für zwei Jahre in den Kongo. Was passiert, wenn schweizerische Gründlichkeit auf kongolesische Lebensart trifft, zeigten Filmszenen vom Schulhausbau aus der SRF-Sendung «Auf und davon». «Am Schluss ist es das Ergebnis, das zählt», stellte Enz fest. Diese Schule für 300 Kinder ist eines der Projekte des Vereins Maendeleo, den Enz mit Freunden gegründet hat.

Enz lebt heute wieder in Frauenfeld, arbeitet als Hochschuldozent und Journalisten-Ausbildner in Afrika. Zum Schluss sang er ein Lied über einen Kater, ein Stück auf der neuen CD seiner Band Galgevögel. Viele Zuhörer liessen sich am Seniorennachmittag eine CD signieren.