Entwicklung im Verborgenen

AMRISWIL. Sekten sind heute weniger in den Schlagzeilen als früher. Das heisse nicht, dass es keine mehr gebe, machte Sektenexperte Hugo Stamm in seinem Vortrag deutlich.

Gunhild Rübekeil
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Hugo Stamm bei seinem Vortrag. (Bild: Gunhild Rübekeil)

Hugo Stamm bei seinem Vortrag. (Bild: Gunhild Rübekeil)

AMRISWIL. Als Journalist Hugo Stamm sich in den Siebzigerjahren erstmals mit Sekten beschäftigte, zählte er 50. Heute sind in seinem Archiv über 1000 Gruppen erfasst. Dass das Thema im Gegensatz zu früher kaum noch eine Rolle spiele, liege vor allem daran, dass Sekten heute medienträchtige Skandale vermeiden, erklärte er bei seinem Vortrag im Kirchgemeindehaus den circa 60 Zuhörern.

Als Beispiele zählte er die Endzeit-Phantasien Paul Kuhns vom St. Michaelswerk in Dozwil auf, der 1988 verkündete, die Kinder würden zu Gott geholt, die Eltern müssten auf der Erde bleiben. Bei Massakern der «Sonnentempler» (1994, 1995 und 1997) starben zahlreiche Anhänger, viele davon in der Schweiz, durch Mord oder Selbstmord, nachdem der Sektenchef den Weltuntergang angekündigt hatte. Mitglieder von «Heaven's Gate» verübten 1995 gemeinschaftlich Selbstmord, weil sie im Kometen Hale-Bopp ein Raumschiff vermuteten, das die Seelen der Toten mitnehmen würde.

Meiste Anhänger gehen pleite

Wie Sekten ihre Mitglieder gewinnen, erläuterte Stamm am Beispiel von Scientology. Interessenten würden mit einem Persönlichkeitstest geködert, der zumeist sehr negativ ausfalle. Durch die Belegung von Kursen können die Anhänger jedoch «Entwicklungsstufen» durchlaufen. Bei einer Übung müssten Kandidaten sich 25 Stunden lang in die Augen schauen; wer blinzle, werde als Versager hingestellt. Damit werde der Wille gebrochen. Dass die Kurse viel Geld kosten, erhöhe die Abhängigkeit: Die meisten Anhänger seien in kürzester Zeit pleite.

Neben den Sekten geht die Entwicklung laut Stamm heute vermehrt zu Esoterik, Geistheilern und Freikirchen. Gefährlich werde es, wenn Heilsversprechen ins Spiel kämen, die das Leben gefährden, wie bei den «Lichtessern», die Heilung durch pures Licht bei Verzicht auf Essen und Trinken versprachen. Den Freikirchen spricht Stamm jegliche Entwicklungsfähigkeit ab. Sie legten noch heute die Bibel Wort für Wort aus, auch wenn das Gesetzesbruch bedeute.

«Raumschiffe sind abgeschafft»

Wie man die «Guten» von den «Bösen» unterscheiden könne, war eine der Fragen aus dem Publikum. Der Übergang sei fliessend, erklärte Stamm, der «sanfte Formen der Esoterik» nicht ablehnt. Schliesslich unterscheide den Menschen vom Tier, dass er auf Sinnsuche sei und geistige Nahrung brauche. Wer jedoch glaube, nach einem Wochenend-Reiki-Kurs seine Mitmenschen durch Handauflegen heilen zu können, überschätze sich masslos.

Eine Frau wollte wissen, was es mit den «Heiligen der letzten Tage» in Kreuzlingen auf sich habe. Dahinter, so Stamm, steckten die Mormonen. Ironisch war wohl die Frage eines Gastes, wann mit dem nächsten Raumschiff zu rechnen sei. «Raumschiffe sind inzwischen abgeschafft», antwortete Stamm, «nach Ansicht der Sekten leben wir heute in einer Dauer-Endzeit. Es kann jeden Tag zu Ende gehen.»