Engel auf der Zunge

Barbara Meijerink hat's geschafft: Nach jahrelangen Versuchen hat sie das Rezept für ihre Mürbel – eine Art Milchcaramel – gefunden. Seither produziert sie Tag für Tag die Spezialität und verschickt sie sogar ins Ausland.

Esther Simon (text) Andrea Stalder (bilder)
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Da ist Fingerspitzengefühl gefragt: Barbara Meijerink bearbeitet die klebrige Masse in ihrer kleinen Manufaktur auf einer grossen Marmorplatte. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Da ist Fingerspitzengefühl gefragt: Barbara Meijerink bearbeitet die klebrige Masse in ihrer kleinen Manufaktur auf einer grossen Marmorplatte. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Barbara Meijerink hat ein süsses Geheimnis. Nein, nein, nicht das. Für ein Baby hätte sie vermutlich gar keine Zeit mehr. Ihre Familie, bestehend aus dem Ehemann Niels Meijerink und den vier Kindern im Alter zwischen sieben und dreizehn Jahren, beanspruchen sie schon genug. Zusätzlich arbeitet sie in einem 30-Prozent-Pensum auf dem Sekretariat der Volksschulgemeinde Berg. Kaum zu glauben, dass da noch Zeit bleibt für die Produktion der Mürbel, einer Art Milchcaramel, die Barbara Meijerink nach eigenem Rezept herstellt. Dieses Rezept ist ihr süsses Geheimnis. Barbara Meijerink ist ganz versessen auf diese Produktion. Etwa 250 Säckli zu 150 Gramm stellt sie täglich in ihrer Manufaktur her. Zurzeit hat sie neun Aromen im Programm: Vom Alpensalz- über das Cacao- bis hin zum Chili-Mürbel. Ihre Manufaktur ist ein 15 Quadratmeter grosser Raum im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses an der Dorfstrasse in Mattwil.

Ein grosser, roter Kühlschrank

Den vom Tageslicht erfüllten Raum, in dem es süss duftet, dominieren drei Kupferkessel, eine grosse Marmorplatte und ein noch grösserer, roter Sibir-Kühlschrank. Auf dem Boden gelagerte Behältnisse machen den Raum noch winziger. «Lange kann ich da nicht mehr produzieren», sagt Barbara Meijerink, «der Raum wird bald zu klein.» Das Geschäft läuft offensichtlich. Barbara Meijerink will den Hauptabsatz über möglichst viele Wiederverkäufer erzielen. Zurzeit stehen zwar noch nicht so viele, aber glänzende Namen auf der Kundenliste: die legendäre «Frau Meise» in Baden, das «Bonvivant» in der ehemaligen Seidenbandfabrik in Basel, das «Dallmayr» in München. Auch ein paar Geschäfte im Thurgau verkaufen die Mürbel aus Mattwil. Die Masse, bestehend aus Roh-Rohrzucker, Kondensmilch, Vollmilch, Butter, Traubenzucker und dem gewissen Etwas zur Geschmacksgebung – so steht es auf der Verpackung –, kocht Barbara Meijerink in einem der drei Kupferkessel, die sie speziell hat anfertigen lassen und die der Kanton auf allfälligen Bleigehalt geprüft hat. Ab und zu rührt sie mit einem langen Holzlöffel im Kessel. Das Wichtigste ist, dass die Temperatur stimmt.

Wenn sie die Masse als gut befindet, beginnt ein Stück Schwerstarbeit. Das Gebräu ist noch warm, der Kessel schwer. Damit sie den Inhalt des Kessels auf die Marmorplatte ausleeren kann, zieht sie ein abgeschnittenes Jeans-Hosenbein über den linken Arm und einen dicken Handschuh über die linke Hand, und setzt einen Gewichtheber, der von der Decke herunterhängt, in Gang. Dann lässt sie den Kessel anheben, kippt ihn zur Hälfte und leert die Masse aus, wobei sie die Reste aus dem Topf schabt. «Normalerweise hilft mir mein Mann», sagt Barbara Meijerink. Aber der ist im Moment nicht da, weil er zu 60 Prozent arbeitet. Für die Produktion und den Verkauf der Mürbel hat er sein Arbeitspensum reduziert. Wenn die gummiartige Masse auf der Platte liegt, mischt sie Barbara Meijerink mit dem Spachtel durch, verteilt sie und schneidet sie in Streifen. Jetzt kristallisiert der Zucker, und die Masse wird mürb, bröckelig – was zur Namensgebung der Spezialität beigetragen hat. Die Mürbelfrau zieht nun, zusätzlich zur Haube, Hygienehandschuhe an und bricht die Streifen in Würfel. Die Mürbel sind geboren.

Grössere Sendungen gehen per Post

Zum Glück helfen die Eltern beim Verpacken mit. Die vier Kinder leisten ihren Beitrag, indem sie sich vermehrt im Haushalt engagieren. «Das kann ihnen im Leben nicht schaden», meint Barbara Meijerink. Lieferungen im Kanton besorgt sie mit dem Auto, grössere Sendungen gehen per Post weg. Mit der Mürbelproduktion hat sich Barbara Meijerink einen Kindheitstraum erfüllt. «Vor meinen Augen zubereitete Nidelzeltli, das war für mich das Grösste an einer Chilbi.» Zu ihrem Leidwesen verschwanden die Caramels aber mit der Zeit von den Jahrmärkten. Einige Jahre später, genau 2007, probierte sie in England einen Fudge, ein Caramelbonbon. «Da war er wieder, dieser Geschmack, der mir Engel über die Zunge wandern liess.» Barbara Meijerink wollte nur noch eines: diese Bonbons selber herstellen. Nochmals einige Jahre später hatte sie das Rezept ihres Mürbels gefunden. Bis sie mit der Produktion loslegen konnte, musste sie sich allerdings noch mit dem Strichcode und der Nennung der Zutaten auf der Verpackung beschäftigen. Seit 2015 präsentieren die Eheleute ihre Mürbel regelmässig an Messen und Märkten. Es sind Sternstunden, weil die Messen und Märkte geschäftliche Kontaktbörsen sind, und weil sie auf Menschen treffen, die sich einfach die Mürbel genüsslich auf der Zunge zergehen lassen.

Barbara Meijerink zerbricht die kristallisierte und poröse Masse in kleine Stücke – und fertig sind die Mürbel. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Barbara Meijerink zerbricht die kristallisierte und poröse Masse in kleine Stücke – und fertig sind die Mürbel. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

So sieht Mürbel abgepackt aus – die Tüten sind bereit zum Versand per Post; links mit Baumnuss, rechts mit Whisky. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

So sieht Mürbel abgepackt aus – die Tüten sind bereit zum Versand per Post; links mit Baumnuss, rechts mit Whisky. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))