Eine ziemlich brutale Realität

KRADOLF. Die Spuren des Unwetters vom Sonntag sind in Kradolf unübersehbar. Sie werden aber von Tag zu Tag weniger. Dies nicht zuletzt dank des Zivilschutzes, der den grössten Einsatz im Kanton Thurgau seit mehr als zehn Jahren leistet.

Georg Stelzner
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Einsatz in Kradolf: Zivilschutzangehörige befreien einen Vorplatz am Wartenweilerweg vom Schlamm, Geröll und Dreck. (Bilder: Georg Stelzner)

Einsatz in Kradolf: Zivilschutzangehörige befreien einen Vorplatz am Wartenweilerweg vom Schlamm, Geröll und Dreck. (Bilder: Georg Stelzner)

«Wir haben derartige Einsätze immer wieder geübt, aber wenn man sich dann in der Realität einer solchen Situation gegenübersieht, ist das schon ziemlich brutal.» Mit diesen Worten fasst Max Steiner seine Eindrücke vom Einsatz des Zivilschutzes in der Gemeinde Kradolf-Schönenberg zusammen. Steiner ist Kommandant der Zivilschutzregion Frauenfeld und fungiert im AachThurLand derzeit als Einsatzleiter. «Speziell bei diesem Ernstfall ist, dass man die Emotionen der betroffenen Leute hautnah mitbekommt», erklärt Steiner. Viele Einwohner hätten einen schmerzlichen Verlust an Hab und Gut zu beklagen.

Seit Sonntag im Einsatz

Angesichts der Dimension des Schadenereignisses wurde der Zivilschutz schon am Sonntag, unmittelbar nach dem Unwetter, aufgeboten. «Bis Montagabend haben wir durchgearbeitet; die letzten Einsatzkräfte haben sich gegen 23 Uhr auf den Heimweg begeben», berichtet Steiner.

Die neuralgische Anfangsphase, in der man sich ein umfassendes Bild von der Situation machen und erste Entscheidungen treffen muss, sei schnell und gut bewältigt worden. «Wir hatten in kurzer Zeit viele Leute vor Ort, die sofort unterstützend eingreifen konnten. Die internen Prozesse haben so funktioniert, wie wir es geübt haben», stellt der Einsatzleiter zufrieden fest.

Höchst erfreulich sei auch, wie gut das Aufgebot geklappt hat, sagt Steiner. Im Gegensatz zur Feuerwehr müssten Zivilschutzangehörige ja wesentlich seltener ausrücken und seien deshalb nicht im gleichen Masse für derartige Fälle sensibilisiert, gibt der Einsatzleiter zu bedenken. «Man muss sich bewusst sein, dass unsere Leute meist völlig unverhofft aus ihrem gewohnten Leben gerissen werden und sich plötzlich mit einer nicht alltäglichen Herausforderung konfrontiert sehen.»

Wasser in Tiefgaragen

Die vordringlichste Aufgabe habe zu Beginn darin bestanden, mit den grossen Wassermassen fertig zu werden, führt Steiner aus. In den ersten Stunden habe der Zivilschutz mitgeholfen, das Wasser aus den Bahnunterführungen in Sulgen und Riedt zu pumpen. Dieselbe Aufgabe habe sich anschliessend in den Tiefgaragen und Kellern gestellt. «Das viele Wasser wegzubringen, war das grösste Problem», erläutert Steiner. Am stärksten vom Wasser betroffen seien die Wohnhäuser beim Auroraweg. Seit Dienstagnachmittag habe der Zivilschutz vor allem mit Aufräumarbeiten zu tun.

Zwölf Stunden sind die Angehörigen des Zivilschutzes jeden Tag im Einsatz. Die Stimmung ist nach Einschätzung Steiners nach wie vor gut: «Die Leute sind motiviert, denn sie sehen, dass sie gebraucht werden und hier konkrete Hilfe leisten können.»

Eine logistische Herausforderung ist die Verpflegung der vielen Zivilschutzangehörigen. Für diese Aufgabe ist die Zivilschutzregion Mittelthurgau zuständig. Deren Angehörige bereiten das Essen in Weinfelden zu und bringen es zum Sammelplatz beim alten Feuerwehrdepot. Zur gleichen Zeit können aber nicht alle essen. «Das geschieht gestaffelt», sagt Steiner.

Zeigen, was man kann

Den Arbeiten in Kradolf gewinnt Steiner eine positive Seite ab. «Es ist immer gut, wenn eine Organisation zeigen kann, wozu sie fähig ist und damit ein Argument für ihre Daseinsberechtigung liefert.» Ob der aktuelle Einsatz dem Image des Zivilschutzes zugutekommen wird, wage er nicht zu prophezeien.

Max Steiner Kommandant ZSR Frauenfeld und Einsatzleiter in Kradolf

Max Steiner Kommandant ZSR Frauenfeld und Einsatzleiter in Kradolf

Aufräumarbeiten vor dem Kirchenzentrum Steinacker.

Aufräumarbeiten vor dem Kirchenzentrum Steinacker.