Eine Niere geht, eine kommt

LANGRICKENBACH. Ineke Lambinon hat eine neue Niere. Möglich wurde dies, weil ihr Mann dem Bruder der Spenderin ein Organ abgab. Diese Über-Kreuz-Transplantation ist die erste in der Ostschweiz.

Inge Staub
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Ineke und Fred Lambinon können das Leben wieder geniessen. An ihre Reisen nach Kanada erinnern Auto-Kennzeichen. (Bild: Reto Martin)

Ineke und Fred Lambinon können das Leben wieder geniessen. An ihre Reisen nach Kanada erinnern Auto-Kennzeichen. (Bild: Reto Martin)

«Endlich können wir wieder reisen», freut sich Ineke Lambinon. Mit strahlenden Augen betrachtet sie die Autonummern, die im ehemaligen Dialysezimmer ihres Hauses in Langrickenbach hängen. Die Schilder erinnern sie und ihren Mann an ihre Ferien in Kanada. Die 55-Jährige war jahrelang durch ein Nierenleiden eingeschränkt. Jetzt sind grössere Reisen wieder möglich. Seit einem Jahr hat sie eine neue Niere. Das Organ hat sie über eine Crossover-Transplantation erhalten. Die Thurgauerin ist die erste und bislang einzige Patientin, die am Kantonsspital St. Gallen übers Kreuz zu einer neuen Niere kam.

Ineke Lambinon, die seit 1982 im Thurgau lebt, wartete einige Jahre auf eine Spenderniere. In der Schweiz werden noch immer zu wenige Organe gespendet. Auf der Warteliste für Nieren stehen mehr als 1000 Namen. Im April 2014 erhielt die Thurgauerin den hoffnungsvollen Anruf. «Wir haben ein Paar für Sie gefunden», teilte ihr die Ärztin mit.

Gleichzeitig operiert

Wie Ineke Lambinon benötigte auch Gilbert aus Genf eine neue Niere. Fred Lambinon erklärte sich bereit, eine seiner beiden Nieren Gilbert zu spenden. Im Gegenzug erhielt seine Frau von Gilberts Schwester Maryse eine Niere. Beide Nieren wurden gleichzeitig transplantiert, die eine in Genf, die andere in St. Gallen.

Vor der Operation wurde Fred Lambinon medizinisch und psychologisch untersucht. «Der Psychologe klärte ab, ob ich stabil genug bin zu verkraften, wenn etwas schiefgeht.» Denn damit musste das Ehepaar rechnen. Die Über-Kreuz-Transplantation war Ineke Lambinons dritte Nierenoperation. Da die Niere ihres Mannes wegen einer Blutgruppen-Unverträglichkeit für sie nicht geeignet ist, hatte sich ihre Mutter bereit erklärt, eine Niere zu spenden. Doch der Körper ihrer Tochter lehnte das neue Organ bereits zwei Stunden nach der Operation ab. Das war 1993.

Zu Hause an die Dialyse

In den folgenden Jahren musste Ineke Lambinon an die Dialyse. Dieses Verfahren der Blutwäsche schränkte sie stark ein, vor allem beim Essen und Trinken, aber auch in der Freizeit. «Es lagen nur noch Kurzreisen drin, zum Beispiel ins Tessin», sagt sie. Die 55-Jährige besorgte sich ein Gerät, mit welchem sie zu Hause eine Hämodialyse selbst durchzuführen konnte. «So konnte ich auch abends oder sonntags an die Dialyse», sagt Ineke Lambinon. Dies ermöglichte ihr, weiterhin ihrem Beruf als medizinische Laborantin am Kantonsspital Münsterlingen nachzugehen.

Trotz den Beschwerlichkeiten hat sich die gebürtige Niederländerin nie unterkriegen lassen. So oft es ging, spielte sie bei der Musikgesellschaft Scherzingen Klarinette. Mehrfach hat sie im Tischtennis und Schwimmen an den World Transplant Games teilgenommen. Hierfür reiste sie nach Japan, Frankreich, Thailand oder auch Australien. Meistens kam sie mit einer Medaille zurück. Seit einem Jahr ist die Blutwäsche kein Thema mehr. «Mir geht es super. Die Transplantation hat sehr gut geklappt», freut sich Ineke Lambinon. Auch den anderen dreien geht es gut. «Wir haben alle hervorragende Laborwerte.»

Sie habe Glück gehabt, dass sie Partner für eine Über-Kreuz-Transplantation gefunden habe. Ineke Lambinon ist ihrem Mann, Gilbert und Maryse sehr dankbar. Zwischen dem Ehepaar und den beiden Genfern hat sich eine Freundschaft entwickelt. «Die gegenseitigen Nierenspenden verbinden», sagt Ineke Lambinon. Ihr Mann ergänzt: «Durch diese Operationen hat sich die Lebensqualität von uns vieren enorm erhöht.»

Der beste Beweis hierfür ist, dass bei Lambinons erneut das Reisefieber ausgebrochen ist. Bereits diesen Herbst konnte das Ehepaar aus Langrickenbach wieder in sein Lieblingsland Kanada reisen und dort mit dem Camper den Indian Summer geniessen.

Regelmässig zur Kontrolle

Ineke Lambinon muss weiterhin das Spital aufzusuchen. «Ich werde engmaschig kontrolliert.» Dies ist ihr nicht lästig. Sie ist froh, dass sie so gut betreut wird. Damit ihr Körper die neue Niere nicht abstösst, muss sie Medikamente einnehmen. Auch dies betrachtet sie als das kleinere Übel. Für die Laborangestellte hat sich mit der neuen Niere die Lebenserwartung nach oben verschoben. Optimistisch sagt sie: «Ich habe vor, noch lange zu leben.»

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