Eine Geschichte mit Happy End

RUDENWIL. Im April 2010 reisst sich ein junger Stier los, als er zum Metzger gebracht werden soll, und rennt buchstäblich um sein Leben. Die abenteuerliche Flucht hat Leo jetzt zum Star eines Kinderbuches gemacht.

Brenda Zuckschwerdt
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Glücklich im Stall Happy: Bei Stallbursche Patric Kessler fühlt sich Leo gut aufgehoben. (Bild: Brenda Zuckschwerdt)

Glücklich im Stall Happy: Bei Stallbursche Patric Kessler fühlt sich Leo gut aufgehoben. (Bild: Brenda Zuckschwerdt)

Es ist kein Kinderbuch wie jedes andere. Zwar geht es in «Leos Sprung in die Freiheit» um ein herziges Kälbchen. Trotzdem ist die Geschichte für einmal nicht rosarot angehaucht. Denn sie erzählt die ganze und wahre Geschichte von Kalb Leo, dessen Schicksal besiegelt scheint, nur weil es als Stier auf die Welt kam.

Als Leo im Alter von sieben Monaten verladen wird, um seinen letzten Weg zum Metzger anzutreten, reisst er sich los und rennt von Zünikon 10 Kilometer auf die Autobahn A7 bei Attikon, wo ihn Bauern wieder einfangen.

Tierfreundlicher Retter

Für die Medien ist es eine witzige Meldung nebenbei – für Leo aber bitterer Ernst. Diese einseitige Art der Berichterstattung war es auch, die den Tierfreund Markus Bosshard aus Geroldswil dazu bewog, sich für Leo einzusetzen. «Es ging bei der Meldung immer nur um das Fleisch und den Verlust einer Ware», sagt Bosshard. «Als Tier wurde Leo gar nicht wahrgenommen.» Schon am nächsten Tag fuhr er nach Zünikon und kaufte dem Bauern den jungen Stier ab.

Auf der Suche nach einem geeigneten Lebensplatz stiess Bosshard auf das Projekt «Viva la Vacca» und meldete sich bei Präsident Reinhold Zepf. «Ich sagte ihm gleich, Viva la Vacca sei eigentlich ein Altersheim für Kühe», sagt Zepf. «Was also sollten wir mit einem jungen Stier?» Es kam zu einem persönlichen Treffen, zu dem Zepf einen Vertrag mitnahm. Darin musste sich Bosshard verpflichten, eine Anzahlung von 15 000 Franken zu machen. «Ich hatte einfach Angst, plötzlich auf den Pensionskosten sitzen zu bleiben», erklärt Zepf.

Er war sich sicher, dass der Tierfreund spätestens jetzt einen Rückzieher machen würde. Doch Zepf irrte sich. Markus Bosshard war es ernst, und so zog Leo kurz darauf als Ochse in den Stall Happy in Rudenwil, wo rund 14 Kühe untergebracht sind.

Ungewöhnliches Schicksal

Journalistin Dagmar Appelt verfolgte die Geschichte von Leo. Für ihre Texte im «Landboten» wurde sie mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet. Jetzt ist mit «Leos Sprung in die Freiheit» ein Kinderbuch hinzugekommen. «Der Saal war voll», berichtet Reinhold Zepf, der Anfang Dezember an der Vernissage war.

Im Buch rennt Leo über grüne Wiesen und kuschelt sich an befreundete Kühe. Witzige Illustrationen sorgen dafür, dass man den Stier gleich ins Herz schliesst. Für Leo also ist es eine Geschichte mit Happy End. Für andere Kälber aber bleibt alles beim alten. Sie werden im Alter von wenigen Monaten geschlachtet. Diese Tatsache wird in dem Buch aber für einmal nicht verschwiegen.