«Eine einfühlsame Psychiaterin»

Die Frau des umstrittenen Arztes Roland Kuhn hat in den 70er-Jahren behinderte Kinder und Jugendliche im Friedheim in Weinfelden therapiert. Sie sei sehr vorsichtig mit der Abgabe von Medikamenten gewesen, sagen die ehemaligen Heimleiter.

Ida Sandl
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Fritz Odermatt und Werner Wiedmer erinnern sich an die Zeit im Friedheim. (Bild: Andrea Stalder)

Fritz Odermatt und Werner Wiedmer erinnern sich an die Zeit im Friedheim. (Bild: Andrea Stalder)

Sie sind Freunde, Weggefährten: Fritz Odermatt und Werner Wiedmer. 25 Jahre haben sie miteinander das Friedheim für geistig behinderte Kinder und Jugendliche in Weinfelden geführt. Odermatt war Heimleiter, Wiedmer sein Stellvertreter. Seit Jahren sind sie pensioniert. Jetzt haben sie sich wieder zusammengetan, weil sie etwas beitragen wollen zur Diskussion, die zu einseitig geführt werde, wie sie sagen. Es geht um ein heikles Thema: die Medikamentenversuche des Psychiaters Roland Kuhn. Kuhns Frau Verena hat in den 70er-Jahren als Kinderpsychiaterin auch für das Friedheim gearbeitet. In dieser Funktion hat sie Medikamente an geistig behinderte Kinder und Jugendliche abgegeben. Eine einfühlsame Ärztin sei sie gewesen, sagt Wiedmer. «Ich mache nur einen Vorschlag.» Diesen Satz habe er so oft von ihr gehört, dass er in seinem Gedächtnis haften geblieben ist.

Wutanfälle und depressive Phasen

Viele der Kinder und Jugendlichen hätten auch psychische Probleme gehabt. Odermatt beschreibt, wie sich ein Jugendlicher in den Haaren der Betreuerin festgekrallt hatte. Es habe Tobsuchtanfälle mitten in der Nacht gegeben, Attacken gegenüber Mitbewohnern und depressive Phasen. «Ein geistig beeinträchtigter Mensch kann solche Ausbrüche schlecht steuern», sagt er. «Wir standen in engem Kontakt mit Frau Kuhn.» Sie sei sehr hilfsbereit gewesen, «wenn nötig kam sie sogar ins Friedheim».

Solche Fragen hat man damals nicht gestellt

Die Ärztin habe die Betreuer stets aufgefordert, genau zu beobachten, wie der Patient auf das jeweilige Medikament reagiere. «Es wurde korrigiert, ersetzt, aufgestockt und abgesetzt», sagt Wiedmer. Ein junger Mann habe den Kopf schief gehalten, nachdem er ein neues Medikament eingenommen hatte. «Wir haben eine Weile gebraucht, bis wir gemerkt haben, dass es von den Tabletten kommt», sagt Odermatt. Die seien dann sofort durch ein anderes Medikament ersetzt worden.

Könnte das ein Hinweis sein, dass auch im Friedheim nicht zugelassene Medikamente getestet wurden? Odermatt und Wiedmer zucken mit den Schultern. «Wir können es nicht ausschliessen.» Solche Fragen habe man in dieser Zeit nicht gestellt. «Wir wären gar nicht auf die Idee gekommen.»

Die Männer sind aber sicher, dass nie eine systematische Testreihe stattgefunden habe. «Das wäre uns auf jeden Fall aufgefallen.» Die Tabletten, die Verena Kuhn abgab, habe sie den Patienten auch nicht in Tüten oder Dosen ohne Aufschrift überreicht, sondern in den gängigen Packungen, wie sie in den Apotheken verkauft wurden.