Ein Talent zum Sägen

HUGELSHOFEN. Am kommenden Wochenende findet in Volketswil die erste Schweizer Meisterschaft im Kettensägen-Schnitzen statt. Mit von der Partie ist auch der Kemmentaler Anatol Stäheli, dem nicht viel Zeit für Vorbereitungen bleibt.

Severin Schwendener
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Mit seiner Motorsäge formt Anatol Stäheli aus einem Stamm eine Skulptur. (Bild: Reto Martin)

Mit seiner Motorsäge formt Anatol Stäheli aus einem Stamm eine Skulptur. (Bild: Reto Martin)

Der Wunsch nach einem speziellen Hochzeitsgeschenk war es, der Anatol Stäheli letzten Endes zur Holzbildhauerei gebracht hat. Ein Freund von ihm hat seiner Angebeteten unter der Freiheitsstatue in New York den Heiratsantrag gemacht – und Anatol Stäheli wollte diese spezielle Geschichte irgendwie in sein Hochzeitsgeschenk integrieren. Eine Freiheitsstatue sollte es sein, aber «sicher nicht aus Plastik».

Ergo hat sich der gelernte Dachdecker selbst ans Werk gemacht: mit Stechbeitel und Feile, vor allem aber mit der Kettensäge. Das war vor sieben Jahren, der Rest ist Geschichte. Denn Stäheli erkannte, dass er diese Arbeit gerne machte, dass er Ideen hatte, die er ins Holz fräsen wollte, und dass er «nicht schlecht» darin war, wie er in aller Bescheidenheit zu Protokoll gibt.

Keine Zeit zum Üben

Heute verkauft der Mittdreissiger seine Holzkunstwerke, er hat Kunden aus der ganzen Schweiz und sogar aus Deutschland, er bietet Kurse und Workshops an und wurde nun an die erste Schweizer Meisterschaft im Kettensägen-Schnitzen eingeladen.

Insgesamt sechs Holzbildhauer sind eingeladen worden, die Regeln sind festgesetzt. Sechs Stämme sind vor Ort, diese werden per Los zugeteilt. Dann darf jeder drauflosfräsen: die ersten fünf Stunden ausschliesslich mit der Kettensäge, danach auch mit anderen Werkzeugen. Wobei Stäheli diese immer weniger braucht. «Früher habe ich etwa 30 Prozent der Arbeit mit Feile, Schnitzmesser und Stechbeitel gemacht. Heute mache ich 95 Prozent mit der Motorsäge.» Was er machen will, weiss er bereits ungefähr. «Entweder eine abstrakte Säule oder etwas mit einem Frauenkörper.» Üben wird er wohl kaum mehr, dafür fehlt ihm die Zeit. «Ich werde aber sicher ein paar Skizzen anfertigen.» Zeit hat der im Teilzeitpensum als Eiswart in der Eishalle Weinfelden arbeitende Stäheli auch deshalb nicht, weil seine Kurse so gut ankommen. Rund zehn zweitägige Kurse bietet er pro Jahr an, dazu kommen Workshops, Team- und Gruppenevents. An zwei Tagen erarbeitet Stäheli mit den Teilnehmern dann eine bestimmte Figur, Schritt für Schritt. «Jeder kommt ans Ziel», garantiert er. Und: «Es kommen viele Frauen an meine Kurse.» Die würden dann einfach die leichteste aller Motorsägen erhalten, von denen Stäheli 20 Stück inklusive kompletter Schutzausrüstung bereithält.

Anstrengendes Hobby

Auch sonst ist das Programm vollständig. Es gibt Kaffee und Verpflegung, am Abend ein Waldfondue. «Das soziale Beisammensein gehört natürlich mit dazu», sagt Stäheli. Nicht umsonst kommen einige Kursteilnehmer immer wieder, auch wenn die Kurse für alle anstrengend sind. «Wer zum erstenmal einen Tag lang mit der Motorsäge hantiert, ist am Abend nudelfertig», sagt Stäheli lachend. Doch auch an ihm gehen die Kurse nicht spurlos vorüber. «Auch wenn ich selbst wenig arbeite: Die Präsenz und das Betreuen der bis zu zehn Teilnehmer braucht Kraft.» Kraft braucht Stäheli auch für die Schweizer Meisterschaft am Sonntag: Sieben Stunden harte Arbeit liegen zwischen ihm und einem möglichen Titel als erster Schweizer Meister im Kettensägen-Schnitzen.