Ein starker Kaffee mit Eiercognac

Der Radfahrerverein Arbon ist 1911 aus der Fusion des Veloclubs Helvetia und des Racing Clubs Condor hervorgegangen. Am Wochenende feiert der RVA Jubiläum. Hugo Järmann hat mehr als seine halbe Geschichte miterlebt. Beat Breu, Hubert Seiz und Rolf Järmann waren die Aushängeschilder.

Merken
Drucken
Teilen
An den legendären Radkriterien auf dem Bergli verfolgten jeweils viele Zuschauer die Rennen. (Bild: Archiv RVA)

An den legendären Radkriterien auf dem Bergli verfolgten jeweils viele Zuschauer die Rennen. (Bild: Archiv RVA)

Sie sind seit über 50 Jahren im Verein. Wie kam es dazu?

Hugo Järmann: Ich bin als Jüngling immer schon gerne Velo gefahren. Als Primarschüler habe ich die erste grössere Veloreise gemacht und meinen Onkel in Montreux besucht.

Sie waren Eliteamateur. Das war nicht unbedingt der Wunsch Ihres Vaters…

Järmann: Nein, mein Vater meinte, ich sollte Schwinger werden. Diese Karriere dauerte jedoch nicht lange. Ich hatte nicht die Postur zum Schwinger, ich war zu schmächtig. Das war mir und auch dem Vater bald klar.

Ihr Sohn Rolf war Schweizer Meister, gewann als Profi Weltcuprennen und Etappen grosser Rundfahrten. Sie hatten diesen Schritt ins Profilager nicht vollzogen…

Järmann: Früher waren die Strukturen noch anders. Es gab damals zwischen den Amateuren und den Profis noch eine Stufe Independent. Andere Clubkollegen, so auch Ruedi Hauser, der mit mir dem Verein beigetreten war, wechselten zu den Berufsfahrern. Aber mit Velofahren konnte man sich kein Einkommen sichern. So ging ich mit einem Brotberuf auf die sichere Seite.

Sie haben selber bald mit dem Radsport aufgehört?

Järmann: Ja, mit 25, als ich heiratete. Mein erstes Rennen war ich als 19-Jähriger gefahren. Ich stellte mich dann in verschiedenen OKs in den Dienst des Vereins.

Ältere Arboner erinnern sich an die legendären Bergli-Radkriterien…

Järmann: Diese Kriterien im Bergli-Quartier waren jeweils der Höhepunkt im Vereinsjahr und zogen Massen von Zuschauern an. Später gab es noch Rennen am Quai. Speziell war, dass Ausläufer von Metzgereien, Bäckereien und Milchläden das Vorrennen bestritten. Vielerorts wurden damals die Lebensmittel noch mit dem Velo zur Kundschaft geliefert.

Warum hat sich diese Veranstaltung nicht halten können?

Järmann: Zum einen lastete die aufwendige Organisation, trotz ehrenamtlicher Helfer, immer auf den gleichen Schultern weniger. Dann sind die Budgets immer grösser geworden – und die Begehrlichkeiten der zugkräftigen Ausländer im Teilnehmerfeld. Der Verein musste für deren Reise und Unterkunft aufkommen.

Das war 1925 noch anders. Damals wünschte sich der Clubmeister bescheiden einen Käseteller.

Järmann: In jenen Zeiten waren die Ansprüche halt noch anders.

Die Rennfahrer mussten zu unchristlichen Zeiten in den Sattel…

Järmann: Die Clubrennen starteten um 5 Uhr. 1912 war der Start zur Nordschweizerischen Meisterschaft gar um halb fünf.

Der Rennsport geriet um 1920 in den Hintergrund. Weshalb?

Järmann: Die Aktivitäten verlagerten sich hin zum Reigenfahren – heute würde man sagen: Kunstradfahren. Ich vermute, wegen der Bereifung. Es war schwierig, ein Strassenvelo anständig zu bereifen. Das Material war bedingt strassentauglich. Die Strassen waren aus heutiger Sicht auch viel schlechter.

Anfang der Vierzigerjahre hatte der RVA seinen ersten Star: Karl Schmid war der Dominator.

Järmann: Ja, Karl Schmid gewann praktisch alle Clubrennen und wurde auch Ostschweizer Meister. Als 91-Jähriger ist er heute Ehrenmitglied des Vereins, dem er seit 75 Jahren angehört.

Velofahren hält also fit?

Järmann: Das würde ich sicher unterschreiben. Tourenfahren ist bei uns hoch im Kurs. Jeden Samstag um 13.30 Uhr starten wir beim Bahnhof zu einer Ausfahrt: in einer gemütlichen und in einer schnelleren Gruppe. Unterwegs treffen sich dann beide zur Einkehr. Am Mittwoch fahre ich mit den Pensionierten jeweils eine Tour. Los geht's um 9. Zu Mittag nehmen wir irgendwo das Essen ein. Danach treten wir wieder in die Pedalen, bevor Ausklang bei einem Höck ist. Mitgliedschaft beim RVA ist keine Bedingung.

Der RVA hatte erfolgreiche Radrennfahrer in seinen Reihen, zuletzt Ihren Sohn Rolf, der unter anderem den Klassiker Amstel Gold Race gewinnen konnte…

Järmann: Rudolf Hauser wurde 1964 Schweizer Meister der Berufsfahrer. Später kam die grosse Zeit von Bergfloh Beat Breu, der 1981 erstmals die Tour de Suisse gewann. Hubert Seiz schrammte 1984 an der WM der Profis an Bronze vorbei. Zeitweise machten mit Beat Breu, Hubert Seiz und Rolf Järmann drei RVA-Profis derselben Generation von sich reden.

Den Strassenradrennsport gibt es im RVA praktisch nicht mehr. Dafür ist Biken hoch im Kurs. Gibt es eine Erklärung dafür?

Järmann: Seit es ab 23 den Amateurstatus nicht mehr gibt – der Weltverband wollte es so – und Radrennfahrer in diesem jungen Alter gezwungen sind, zu den Profis überzutreten oder aufzuhören, ist es mit dem Radrennsport im Verein bergab gegangen. In der Sportszene haben wir keine Rennfahrer mehr, dafür Biker.

…und mit Andreas Kugler auch einen sehr erfolgreichen.

Järmann: Ja, und in seinem Sog sind andere in diese boomende Sparte gekommen. Die Jungen wollen heute Action: über Stock und Stein fahren. Biken ist im Trend. Ich muss gestehen, dass der Verein anfänglich Mühe gehabt hatte mit den Bikern, sie einzubinden. Wir haben aber bald eingesehen, dass das die Zukunft ist. Im Winter machen wir unsere Touren statt mit dem Rennvelo übrigens auch mit dem Bike.

Wie viele Male haben Sie im Sattel die Erde umradelt?

Järmann: Es dürften alles in allem gut zehn Erdumrundungen zusammengekommen sein.

…und wie viele Stürze produziert?

Järmann: Zum Glück ist fast nie etwas Gravierendes passiert. Letztes Jahr habe ich bei einem Sturz allerdings einen Oberschenkel-Spiralbruch erlitten.

…und Sie sind wieder voll da – liefen mit 71 vor neun Tagen in Krakau wieder einen Marathon.

Järmann: Der Arzt gab mir 5 Prozent Chance, dass ich das wieder hinkriege. Ich habe sie gepackt.

Wegen Dopings steht der Radsport permanent unter Generalverdacht. Gab es zu Ihrer Aktivzeit auch Mittelchen, die Leistung zu fördern?

Järmann: Wenn mal einer vom Land ein Rennen gewonnen hatte, fragten die Zürcher, was wir genommen hätten. Wir wussten nicht, was sie damit meinten. Wir waren in dieser Hinsicht naiv. Ich vertraute jeweils einem starken Kaffee mit Eiercognac…

Nach seinem Karrierenende hat Rolf Järmann aus freien Stücken gestanden, auch gedopt zu haben, um mit seinem Gewissen ins reine zu kommen.

Järmann: Der Druck war enorm gross. Die sportlichen Leiter der Mannschaften verlangten Leistung so nach dem Motto: Entweder nimmst du etwas oder du musst aufhören, weil ich dir keinen neuen Vertrag mehr gebe.

Ist aus Ihrer Sicht der Radrennsport heute sauberer geworden?

Järmann: Es gibt mit den rigoroseren Kontrollen und dem Blutpass tatsächlich Anzeichen, dass es besser geworden ist. Man sieht: auch Spitzenfahrer sind heute nicht mehr immer vorne dabei.

Am Wochenende wird der Jubiläumsakt eingebettet in den Rad-Volksanlass «Quer durch Mostindien». Was wünschen Sie sich?

Järmann: Vor allem schönes Wetter, damit auch viele Teilnehmer und eine tolle Stimmung.

Interview: Max Eichenberger

Hugo Järmann (71) (Bild: Max Eichenberger)

Hugo Järmann (71) (Bild: Max Eichenberger)