Ein Nachmittag in der Backstube

ARBON. Jugendliche mit Schul- oder Persönlichkeitsdefiziten haben es schwerer als lernwilligere Altersgenossen, in der Berufswelt Tritt zu fassen. Die Sekundarschulgemeinde Arbon hilft ihnen mit einem Coaching frühzeitig, eine Brücke zu bauen.

Max Eichenberger
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«Lift»-Schüler Alec Cameron setzt den Pralinen in der Backstube der Confiserie Schwarz die Krone auf. (Bild: Max Eichenberger)

«Lift»-Schüler Alec Cameron setzt den Pralinen in der Backstube der Confiserie Schwarz die Krone auf. (Bild: Max Eichenberger)

Um die Chancen von leistungsschwächeren Oberstufenschülern zu verbessern, nach der obligatorischen Schulzeit einen Ausbildungsplatz in der Wirtschaftswelt zu ergattern, startete die Sekundarschulgemeinde Arbon im Sommer 2011 das Projekt «Lift». An einem freien Nachmittag sind diese Schüler in einem Betrieb tätig und verrichten dort einfachere Arbeiten. Das tun sie freiwillig und in der Regel gegen ein kleines Entgelt. Der Lohn sei zweitrangig. Es gehe für sie primär darum, die Berufswelt sowie deren Anforderungen kennenzulernen und Motivation zu tanken, sagt der Projektverantwortliche der Schule, Bruno Müller.

24 Berufsfelder

Die «Lift»-Schüler können dabei im praktischen Berufsumfeld lernen, ihre Stärken herauszufinden und zu entwickeln. Das Gewerbe zieht mit. Dreissig sogenannte Wochenarbeitsplätze gibt es in der Region Arbon. Sie decken Müller zufolge 24 Berufsfelder ab. Im ersten Pilotjahr machten 14 Schüler des ersten OberstufenJahrgangs mit – freiwillig und auf der Basis eines Vertrages. Acht dieser Jugendlichen haben verlängert und schnuppern auch in der zweiten Sek zwei bis vier Stunden wöchentlich Berufspraxis.

Start des zweiten Jahrgangs

Am Mittwoch ist nun der nächste Jahrgang nachgerückt. 13 Schülerinnen und Schüler meldeten sich am Nachmittag erstmals bei ihren Betrieben, die ihnen zugewiesen worden waren. Soweit es möglich ist, werden ihre Wünsche dabei berücksichtigt. Alec Cameron etwa wird zumindest die nächsten Monate neben dem Regelunterricht, den er weiterhin im Sekundarschulzentrum Reben 4 besucht, einen freien Nachmittag in der Backstube anzutreffen sein. Andere haben eine Beschäftigung im Blumengeschäft oder in der Autogarage, wo sie ausserhalb der Schule praktisch lernen, Verantwortung zu übernehmen.

Handicaps wettmachen

Nach dem Übertritt in die Sekundarschule selektionieren die Klassenlehrkräfte in den ersten acht Wochen zusammen mit Bruno Müller die Kandidaten für das Projekt. In den Fokus kommen dabei Schüler des früheren Realschulniveaus, deren Schulleistungen eher schwach sind, die durch Motivationsprobleme auffallen und der Förderung bedürfen, weil oft auch die Unterstützung aus dem persönlichen Umfeld fehlt und damit grundlegende Voraussetzungen, um im Lehrstellenmarkt Tritt fassen zu können. Diese Handicaps und die fehlende Reife versuchen Bruno Müller und seine Partner des regionalen Gewerbes mit dem Angebot wettzumachen. Der so mögliche frühe Brückenschlag lehrt die Jugendlichen, Ziele ins Auge zu fassen und darauf hinzuarbeiten. Denn Lehrstellen fallen ihnen nicht einfach zu, sagte Müller vor der SP Arbon. Schon als Reallehrer war ihm eine Herzensangelegenheit, seine Schüler im Lehrstellenmarkt unterzubringen und sie dafür bestmöglich fit zu machen. Müller weiss: «Wer null Bock hat und mit 22 noch nicht Fuss in der Arbeitswelt gefasst hat, kann zum Sozialfall werden.»

Erfahrungsschatz und Referenz

Alec Cameron macht jetzt ganz neue praktische Erfahrungen: In der Backstube der Confiserie Schwarz ist er konzentriert an der Arbeit und veredelt unter Anleitung von Magnus Schwarz Haselnuss-Pralinen. Von nun an ist Alec jeden Mittwoch dort tätig. Am Schluss wird er ein Arbeitszeugnis erhalten. Eine Referenz, die ihm bei der Lehrstellensuche helfen könnte. Als Motivator hält Bruno Müller die «Liftler» bei der Stange. Abspringer gebe es wenige.

Eng begleitet

Der Lift-Coach hält regelmässig Kontakt zu den Betrieben und bekommt ein Feedback. Allwöchentlich gibt es zudem in der Schule eine Lektion eigens für die Lift-Schüler, in der Erfahrungen aufgearbeitet, Arbeitsprotokolle verfasst, Defizite analysiert oder zum Beispiel auch Bewerbungsschreiben verfasst werden. Das Feedback und der Austausch zeigen den Schülern auf, wo bei ihnen noch Potenziale liegen.