Ein Haus mit langer Geschichte

BISCHOFSZELL. Pius Biedermann hat mit dem Architekten Gabriel Müller und engagierten Handwerkern das Haus an der Gerbergasse 6 renoviert. Der Thurgauer Heimatschutz ehrt ihn für seine Bemühungen mit dem Anerkennungspreis.

Claudia Gerrits
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Hausbesitzer Pius Biedermann und Architekt Gabriel Müller im ersten Stockwerk an der Gerbergasse 6. (Bild: Claudia Gerrits)

Hausbesitzer Pius Biedermann und Architekt Gabriel Müller im ersten Stockwerk an der Gerbergasse 6. (Bild: Claudia Gerrits)

«Es war richtig schön, sich in das Ganze hineinzugeben», sagt Pius Biedermann. Begeisterung ist herauszuhören, wenn er über die Renovation und den Umbau des Hauses an der Gerbergasse 6 berichtet. Zweieinhalb Jahre haben die Arbeiten gedauert. «Ein Jahr lang haben wir nur geschaut, was alles zum Vorschein kommt», erzählt der Hausbesitzer. Schicht um Schicht wurde wieder historische Bausubstanz ans Licht geholt. Beim Umbau einer solchen Liegenschaft könne nicht genau nach Plan vorgegangen werden, manches werde laufend vor Ort gemeinsam erarbeitet, erklärt Architekt Gabriel Müller. Von Anfang an waren auch die Denkmalpflege und das Amt für Archäologie einbezogen.

Spannende Zwiesprache

Alt und neu gehen Hand in Hand im Haus Gerbergasse 6. Eine russgeschwärzte Lehmflechtwand, eine Riegelkonstruktion, ein Stück Bollensteinwand halten spannende Zwiesprache mit einer modernen Treppe aus Glas und Stahl und einem gläsernen Liftturm. Diese beiden Elemente in der Gebäudemitte erschliessen jetzt das 22 Meter tiefe Haus. Durch ein Dachfenster fällt Licht entlang der Treppe und dem Liftturm bis ins Erdgeschoss. In der Hausmitte haben auch die neuen Küchen und Bäder für die drei Wohnungen ihren Platz. «In diesem Gebäudeteil war am wenigsten originale Bausubstanz vorhanden», betont Pius Biedermann. Im viergeschossigen Haus fällt die Vielfalt auf. Jeder Raum sieht anders aus. Da prägt eine Bollensteinwand, dort eine Bohlenständerwand ein Zimmer, dann wieder eine Renaissancetäfelung oder Fachwerk. Auch die Decken sind unterschiedlich.

Gebaut im Spätmittelalter

Der Ursprung des Hauses geht etwa auf das Jahr 1437 zurück. Damals erlaubte der Bischof von Konstanz, dass die Vorstadt von Bischofszell neu aufgebaut werden durfte. Im Laufe der Zeit wurde das Haus noch mehrmals umgebaut. Die Nord- und Südfassade erhielten etwa Anfang des 18. Jahrhunderts die heutige Gestalt mit Fenstern und Lauben. «Die durchgehende Laube zuoberst entspricht dem ehemaligen Wehrgang der Stadtmauer», erklärt Pius Biedermann. Das Wohnzimmer auf der Nordseite im ersten Stockwerk steht noch auf der alten Stadtmauer. Zwanzig Generationen Handwerker haben in der Gerbergasse 6 gelebt. Jahrhundertelang waren es erst Gerber, dann Hafner. Später waren im Haus eine Schneiderei und eine Schreinerei.

Münzen, Murmeln und Knöpfe

Die Farbschichten, die auf Wänden und Balken zum Vorschein kamen, offenbaren manches aus der Geschichte des Hauses, genauso die unzähligen Fundstücke, die aus den Füllungen der Zwischenböden ausgesiebt wurden, wie Münzen, Knöpfe, Fadenspulen, Glasmurmeln, Schiefergriffel, Schreibfedern, Schriftstücke. «Es sind keine wertvollen Dinge, doch sie erzählen vom Alltag früherer Bewohner», sagt Pius Biedermann. Die grösste Überraschung waren jedoch vier hölzerne Gerberbottiche, die tief in der Erde im Erdgeschoss entdeckt wurden. Sie beweisen, dass an der Gerbergasse tatsächlich Leder gegerbt wurde.

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