Ein Gegenstand, eine Erinnerung

«Mach was aus dem Altweibersommer, geh an die Sonne!», empfiehlt der Redaktionskollege. Schon fast doppelzüngig. Was ihm gleich bewusst wird, als er mein schallendes Gelächter hört. Sonne und Altweibersommer.

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Ausruhen und austauschen auf dem Begegnungs-Bänkli. (Bild: Hedy Züger)

Ausruhen und austauschen auf dem Begegnungs-Bänkli. (Bild: Hedy Züger)

«Mach was aus dem Altweibersommer, geh an die Sonne!», empfiehlt der Redaktionskollege. Schon fast doppelzüngig. Was ihm gleich bewusst wird, als er mein schallendes Gelächter hört. Sonne und Altweibersommer. Ich finde sie auf den Begegnungsbänken mit dem grossen B, die am Rand der Schlosswiese stehen und aktiviert werden sollen. Das Forum 60+/– hat die Bänke erstellen lassen, und von dort ging der Impuls aus, sich heute bei den Bänkli einzufinden und einen Gegenstand mitzubringen, über den es etwas zu erzählen gebe.

«Denk an das Gute»

Ohne zu zögern packe ich einen Kalender 2011 ein. Letzte Woche schenkte ihn mir Irene Lewitt aus Jerusalem bei einem leckeren Essen im Wasserschloss Hagenwil. Die Kalenderbilder zeigen den Ölberg, das Tote Meer und den See Genezareth, alles Ansichten, die um das Jahr 1900 entstanden sind.

Auf den Begegnungsbänken treffen sich Senioren, welche die Hausaufgaben mustergültig erfüllt haben.

Genarina Steiger bringt ihr Lieblingsbuch mit fernöstlichen Sinnsprüchen mit, sie liest es meistens auf Spanisch. «Ich würde nie einen Talisman einpacken, lieber gute Literatur», sagt sie und zitiert ihr Motto: «Denk an das Gute und es wird dir gegeben.»

Walter Schoch aus Horn wartet mit einem Witz, einer Kurzgeschichte und selbst gezogenen Trauben auf, die er vorstellt und grosszügig verschenkt.

Sein Spruch des Tages stammt von Nelson Mandela: «Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.»

«Ich gehe so gerne auf Reisen», beginnt Trudy Kälin ihre Erzählung. Damit weckt sie in dieser Gesellschaft ganze Sprudelbäche von Reiseerinnerungen. Bei Ursula Meyer geht das Tor zu einem New Yorker auf, den sie mal im Zug antraf. Er führte ein Billett nach Horn TG in der Tasche, das er mit zäher Beharrlichkeit «daheim» gelöst hatte. «Man wollte mir zuerst ein Billett nach Kap Horn andrehen», behauptete er.

Ursula zeigt, was dabei ist, wenn sie ihre sieben Sachen packt: ein Würfel, eine Figur aus Nigeria, wichtige persönliche Adressen.

Mit gutem Beispiel voran

Der Mann mit dem erfolgreichen Grün an den Händen verteilt die letzten Trauben. Trudy Kälin sorgt dafür, dass kein Stiel und kein Fetzchen zurückbleiben.

«Unsere Generation geht mit gutem Beispiel voran, das sind wir nach den beiden sonnigen Stunden unter dem Altweibersömmerli – und auch sowieso – schuldig», sagt sie.

Hedy Züger