Ein Dorf im Turm

Das Hochhaus Freiegg an der Hauptstrasse 23 gilt für manchen Kreuzlinger als Schandfleck. Von den Mietern wird es jedoch heiss geliebt. Hier scheint die Sonne lang, und der Säntis ist nah.

Martina Eggenberger Lenz
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Auf der Terrasse der Attikawohnung: Das Abwartpaar Susanne und Alfredo Scalisi. (Bilder: Nana do Carmo)

Auf der Terrasse der Attikawohnung: Das Abwartpaar Susanne und Alfredo Scalisi. (Bilder: Nana do Carmo)

Kreuzlingen. «Ups, ich habe wohl einen heimlichen Verehrer», freut sich die Dame, die gerade ihren Briefkasten leert. Sie hält den anderen Freiegg-Bewohnern eine prächtige Rose unter die Nase. Diese nicken vielsagend. Die Umschwärmte verschwindet im Lift. Es kommt einem vor, als würde man auf einem Dorfplatz stehen – und nicht im Eingangsbereich eines urbanen Hochhauses. «Grüezi» tönt es hier, «Guten Morgen» da.

«Ja, ich fühle mich hier wirklich wie in einem kleinen Dorf. Ich wohne zwar alleine, muss mich aber nicht einsam fühlen», beschreibt Lilli König das Lebensgefühl im Hochhaus. Vor zwölf Jahren ist die Rentnerin eingezogen – trotz oder gerade wegen ihrer Höhenangst. Sie mag Herausforderungen. Am Anfang habe sie sich kaum getraut, aus dem Fenster zu schauen. Heute liebt sie ihre Aussicht im 13. Stock über alles.

Schwindelfreie Katze

Erika Hangartner lebt ebenfalls im 13. Stock. Ins Freiegg sei sie vor 25 Jahren durch reinen Zufall gekommen. Sie hatte etwas gesucht, das in der Nähe von ihrem Arbeitsplatz, der Migros Emmishofen, lag. Im Hochhaus war eine Wohnung frei. «Selbst die Katze hat sich auf der Terrasse pudelwohl gefühlt.» Gerne sei das Tier zur Nachbarin hinüber balanciert. Werner Hugi, 9. Stock, ist 1976 ins Hochhaus – oder wie er es liebevoll nennt ins «Zündhölzli» – gezogen.

Damals war das Gebäude gerade einmal drei Jahre alt. Seine aus Deutschland stammende Frau habe sich in der Nähe zur Grenze sofort wohl gefühlt. Mittlerweile ist Hugi über 80 Jahre alt und immer noch überzeugter Freiegg-Bewohner.

Grosszügiger Grundriss

Susanne Spörri, 14. Stock, ist über Bekannte ins Hochhaus gekommen. Deren Wohnung habe ihr schon immer gefallen, der grosszügige Grundriss und natürlich die Aussicht.

Ihr Partner Lorenz Pfister, pensionierter Polizist, gerät ins Schwärmen: «An sichtigen Tagen erkennt man die Österreicher Berge, den Säntis, einfach alles.» Insbesondere die Sonnenuntergänge hätten es in sich, ezählt das Paar. «Dann sage ich jeweils: Schau, die da unten liegen schon im Schatten», lacht Susanne Spörri.

Bergsteigen im Treppenhaus

Wenn die zwei Lifte, die dauernd auf Hochbetrieb laufen und die Bewohner und Besucher auf die 18 Stockwerke verteilen, das Herz des Hochhauses sind, dann sind Susanne und Alfredo Scalisi wohl dessen Seele.

Das Hauswartpaar wohnt zwar nicht im Freiegg, ist aber dennoch omnipräsent. Sie kennen alle Mieter mit Namen und kümmern sich um jedes Sörgeli. Scalisis lieben ihren Arbeitsort. «Es ist etwas ganz besonderes, hier Abwart sein zu dürfen», meinen beide. Der Lift fährt ganz nach oben, zu den beiden Attika-Wohnungen.

Diese befinden sich im Umbau und sind unbewohnt. Einmal seien sie die Treppen von ganz unten nach ganz oben hochgestiegen. 13 Minuten habe dieser Marsch gedauert, erinnert sich Susanne Scalisi.

Dabei sei sie ganz schön ins Schwitzen geraten. «Bergsteigen» sagt Joseph Sidlow, der im 2. Stock ein Yoga-Studio betreibt, dazu. Er stellt seine Fitness wöchentlich auf die Probe.

Den Glanz verloren

Früher war das Freiegg auch für Firmen eine beliebte und renommierte Adresse. Mittlerweile stehen die meisten Büro- und Ladenräume leer.

Das Hochhaus habe den Glanz früherer Zeiten verloren, findet Markus Debrunner, der mit seinem Planungsbüro vor einem Jahr ausgezogen ist. Viele Einrichtungen, etwa die Velours-Verkleidung im Lift, würden noch der Anfangszeit entstammen. Debrunner hat eine besondere Beziehung zum Freiegg: Sein Schwiegervater Georg Felber hat es zusammen mit seinem Bruder Gottlieb Felber erbaut. Heute gehört das Haus einer Firma in Sarnen. Ganz so weit reicht die Sicht selbst vom Hochhaus aus nicht.

Erika Hangartner kann vom Esstisch aus die Stadt überblicken.

Erika Hangartner kann vom Esstisch aus die Stadt überblicken.

Trotz Höhenangst ist Lilli König ins Hochhaus gezogen.

Trotz Höhenangst ist Lilli König ins Hochhaus gezogen.

Das Freiegg ist 57,5 Meter hoch.

Das Freiegg ist 57,5 Meter hoch.