Ein Bauprojekt mit Nachspiel

Der Bau von 38 Eigentumswohnungen in Romanshorn lief zeitweise organisatorisch aus dem Ruder. Bauherr André Schlatter stellt klar: Die 40 beteiligten Handwerker seien ordnungsgemäss bezahlt worden. Ein Betrieb klagt vor Gericht.

Inge Staub
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Auf der Brüggliwiese in Romanshorn entstanden 38 individuelle Eigentumswohnungen. Ein Bewohner sagt: «Wir fühlen uns hier sehr wohl.» (Bild: Nana do Carmo)

Auf der Brüggliwiese in Romanshorn entstanden 38 individuelle Eigentumswohnungen. Ein Bewohner sagt: «Wir fühlen uns hier sehr wohl.» (Bild: Nana do Carmo)

ROMANSHORN. «Das entspricht nicht der Wahrheit», sagt André Schlatter. Er bezieht sich auf einen Artikel, der im «Beobachter» erschienen ist. Darin heisst es, Handwerker, die für die Nemesis GmbH gearbeitet haben, würden über unbezahlte Rechnungen klagen. Schlatter, Rechtsanwalt und nebenamtlicher Stadtrat in Amriswil, ist Geschäftsführer der Nemesis GmbH, die ihren Sitz in Amriswil hat. Das Unternehmen hat in Romanshorn auf der Brüggliwiese vier Wohnblöcke mit 38 individuellen Eigentumswohnungen erstellt.

«Viel Geld für mich»

Musa Ramadani hat in den Wohnungen die Plättli verlegt. Gegenüber unserer Zeitung wiederholt er die im «Beobachter» geäusserten Vorwürfe. Der grösste Teil des von ihm in Rechnung gestellten Betrages sei bezahlt worden. Knapp 190 000 Franken würden noch ausstehen. «Ich bin ein Kleinbetrieb. Das ist viel Geld für mich», sagt er. Ramadani hat eine Betreibung gegen die Nemesis GmbH eingeleitet. Diese hat Rechtsvorschlag erhoben. Darauf ist der Plättlileger nicht eingetreten: «Ich habe kein Geld für einen Rechtsanwalt.»

Schlecht koordiniert

Der Geschäftsführer eines anderen Handwerkbetriebes, der namentlich nicht genannt werden möchte, sagt, auf der Baustelle hätten chaotische Zustände geherrscht. Die Einzugstermine seien viel zu früh angesetzt gewesen, die Handwerker seien nicht oder schlecht koordiniert worden. Es funktioniere nicht, wenn Sanitär und Elektriker Endapparate montieren sollen bevor Gipser oder Maler fertig seien. «Nachdem wir gesehen haben, dass gepfuscht wird, sind wir ausgestiegen.» Die Nemesis habe deshalb seiner Firma den in Rechnung gestellten Betrag nicht komplett bezahlt. Dieser Betrieb steht nun in gerichtlicher Auseinandersetzung mit der Nemesis GmbH. Laut André Schlatter ist er der einzige.

Alles in Ordnung

Auf der Baustelle waren rund 40 Handwerksbetriebe tätig. Einige, die ebenfalls nicht namentlich genannt werden möchten, wurden von unserer Zeitung kontaktiert. Sie sagen übereinstimmend: «Wir haben unser Geld erhalten. Es wurde alles ordnungsgemäss abgewickelt.»

Zu den Vorwürfen von Musa Ramadani erklärt André Schlatter: «Es haben mehrere Gespräche stattgefunden. Herr Ramadani wollte nicht begreifen, dass er vollständig bezahlt worden ist.» Zu den Forderungen der Firma, die den Rechtsweg eingeschlagen hat, sagt Schlatter, die Nemesis GmbH möchte, dass ein Gericht feststellt, ob deren Forderungen berechtigt sind.

Der Geschäftsführer gesteht ein, dass von Herbst 2011 bis Mitte 2012 auf der Baustelle chaotische Zustände geherrscht haben. Als Ursache nennt er, dass der Bauleiter nach einem Dreivierteljahr mitten im Bau davongelaufen sei. Der Bauleiter begründet dies damit, dass aufgrund der knapp bemessenen Zeit, ständig die Sorgfaltspflicht verletzt worden sei. Als Beispiel nennt er, dass ein Handwerker nicht abgewartet habe, bis die Unterlagsböden trocken waren. «Das wollte ich nicht auf mich und meine Firma nehmen.»

André Schlatter bemühte sich, einen neuen Bauleiter zu finden. Vergeblich. Deshalb übernahm Kurt Bergmann, Architekt und Gesellschafter der Nemesis GmbH, zusätzlich zu seiner Aufgabe als Projektleiter und Bauherr die Bauleitung. Er sagt: «Das war zu viel. Ich habe sieben Tage in der Woche gearbeitet.» Auch André Schlatter will nichts beschönigen: «Zu einem gewissen Zeitpunkt waren sowohl Planer, Bauherr als auch Handwerker überfordert.» Der abrupte Weggang des Bauleiters habe dazu geführt, dass die Koordination der einzelnen Arbeiten während einiger Zeit aus dem Ruder lief. Die Folge: Einzelne Arbeiten wurden nicht korrekt ausgeführt, es kam zu Verzögerungen, Einzugstermine konnten nicht eingehalten werden.

André Schlatter hat Verständnis dafür, dass einige Käufer der Wohnungen enttäuscht waren. Doch schliesslich sei es der Nemesis gelungen, ihnen «etwas sehr Schönes» zu überlassen. Schlatter betont: «Wir haben alles, was in unserer Macht stand, getan, damit es gut wird.»

Eine Task Force eingesetzt

Zu diesem Zweck wurde eine Task Force eingesetzt. Ihr gehörte Paul Blust an. Der pensionierte Bauingenieur, zu dessen Referenzen die Überbauung Rosengarten in Arbon und 50 Jahre Erfahrung auf dem Bau zählen, arbeitet als freier Projektleiter. Während vier Monaten war er dafür zuständig, dass Mängel behoben wurden. Er sagt, die Bauherrschaft habe sich sehr bemüht, die Wohnungen so zu übergeben, dass sich die Eigentümer wohl fühlen können.

Leiter der Task Force war Arthur Stolz, Inhaber von Stolz Immobilien in Stein am Rhein. Er kommt zum Schluss, das Bauprojekt sei in Schieflage geraten, weil «auf verschiedenen Ebenen mangelhafte Leistungen unglücklich zusammengekommen sind». Durch die fehlende oder zu späte Lieferung von Planunterlagen und die fehlende Bauleitung hätten Subunternehmer und Lieferanten improvisiert, um die gesetzten Termine einhalten zu können.

Zur Abrechnung stellt Stolz klar: «Alle Planer, Subunternehmer und Lieferanten wurden ordentlich nach ihren Leistungen und den vereinbarten Preisen bezahlt. Nicht gerechtfertigte Forderungen jedoch wurden abgelehnt.»

Eigentümer entschädigt

Auch seien die Eigentümer für die «sehr grossen Unannehmlichkeiten» entschädigt worden. Keine Einigung kam mit zwei Parteien zustande. Sie und weitere sechs Eigentümer haben eine Interessengemeinschaft gegründet. Sie gehen nun gerichtlich gegen die Nemesis GmbH vor.

André Schlatter Geschäftsführer der Nemesis GmbH (Bild: pd)

André Schlatter Geschäftsführer der Nemesis GmbH (Bild: pd)