Drei Tageslöhne für ein Bahnbillett

WEINFELDEN. «Erinnerungen an Veränderungen»: Zu diesem Thema referierte der ehemalige Weinfelder Gemeindeschreiber Martin Sax am Freitagabend im Rathaus. Der Vortrag war gleichzeitig die Eröffnungsveranstaltung zu den Dorfführungen und brachte Erstaunliches zutage.

Esther Simon
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«Gruss aus Weinfelden», vermutlich um 1911: Die Post und die ehemalige Raiffeisenbank stehen bereits, der «Centralhof» – heute «Biosfair» – ist im Bau. (Bild: pd)

«Gruss aus Weinfelden», vermutlich um 1911: Die Post und die ehemalige Raiffeisenbank stehen bereits, der «Centralhof» – heute «Biosfair» – ist im Bau. (Bild: pd)

Aktueller hätte der Vortrag nicht sein können: Gleichentags hatte der «Beobachter» in einem Artikel beklagt, wie Bahnfahren heutzutage doch teuer sei. Martin Sax, ehemaliger Gemeindeschreiber, bewies in seinem Vortrag vom Freitagabend im Rathaus, dass Bahnfahren früher «noch teurer war: 1860 kostete ein Billett dritter Klasse nach Zürich drei Franken und fünfzehn Rappen. Eine Textilarbeiterin verdiente in der Stunde zehn Rappen. Sie musste also 30 Stundenlöhne hinlegen, damit sie sich eine Fahrt nach Zürich leisten konnte.»

Für diese Reise müsste man heute umgerechnet 600 Franken bezahlen. Immerhin konnte man um 1860 lange fahren: Drei Züge fuhren pro Tag in jede Richtung. Derjenige Zug, der um 16.30 Uhr Weinfelden verliess, kam um 21.15 Uhr in Zürich an.

Eröffnung der Dorfführungen

Sax hielt seinen Vortrag unter dem Titel «Erinnerungen an Veränderungen» vor knapp 40 Zuhörern. Das Referat war gleichzeitig die Eröffnungsveranstaltung zu den Dorfführungen in diesem Jahr (siehe Kasten). «Geschichte ist das, woran wir uns nicht mehr erinnern», sagte Sax. Dementsprechend brachte er aus seinem grossen Wissensschatz zahlreiche Beispiele von Veränderungen im Dorf, welche die Menschen heute nur noch aus Büchern kennen. So etwa die Tatsache, dass Weinfelden vor 200 Jahren mit 2000 Einwohnern die grösste Ortschaft im Thurgau war. Und dass die Weinfelder während Jahrhunderten zu Fuss nach Konstanz gingen, um einzukaufen. «Konstanz war vor 600 Jahren die viertgrösste Stadt der Welt.»

Der Einfluss des nahen Auslands sei übrigens bis in unsere Tage erkennbar: «Die zwei markantesten Häuser in Weinfelden – das Schloss und das Lidl-Verteilzentrum – befinden sich in deutscher Hand.»

Hundert Menschen im Komitee

Während der Befreiung des Thurgaus 1798 hätten im Haus zum Komitee – im heutigen Verwaltungsgericht – bis zu hundert Menschen gelebt. Heute wohnten im Dorfkern nur noch wenige Leute. Sax: «Wir müssen uns nicht wundern, wenn sich Läden an der Peripherie ansiedeln. Sie sind dort, wo die Leute wohnen.» Noch 1839 habe man das Pestalozzi-Schulhaus am Dorfrand gebaut – «wegen erwiesener Hässlichkeit», wie das Thurgauer Tagblatt damals schrieb. Sax machte keinen Hehl daraus, dass er es nicht schade findet, dass Häuser abgebrochen wurden. Man müsse den «Thurgauerhof» nicht schön finden, aber die früheren Häuser auf dem Platz seien auch nicht schön gewesen. «Wir sind die ersten, die es sich leisten wollen und können, alte Häuser zu erhalten.» Von der abgebrochenen Festhütte an der Feststrasse, die zur Centenarfeier 1898 etwa 50 000 Besucher sah, wurde das Holz immerhin für den Bau eines Chalets weiter verwendet. Es heisst «Lueg is Land» und befindet sich an der Rebenstrasse in Weinfelden. Die Zuhörer waren begeistert vom Vortrag. «Wir haben wieder viel gelernt über unser Dorf», sagte eine Frau.

«Weinfelden in der Zukunft»: Ansichtskarte aus den 1910er-Jahren. (Bild: pd)

«Weinfelden in der Zukunft»: Ansichtskarte aus den 1910er-Jahren. (Bild: pd)

Martin Sax, Referent und Dorfführer. (Bild: mte)

Martin Sax, Referent und Dorfführer. (Bild: mte)

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