Doktor Wälti in schwieriger Mission

Der Freidorfer Arzt Bernhard Wälti war für drei Wochen in Tadschikistan im Rahmen eines Hilfsprojektes der Schweiz. Trotz intensiver Vorbereitung war er nicht immer auf das gefasst, was er bei seinen Berufskollegen im Alltag erlebte.

Markus Schoch
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Tadschikischer Hausarzt beim Händewaschen an einer Lavabo-Eigenkonstruktion: Fliessend Wasser gibt es nicht in den Arztpraxen. (Bilder: Bernhard Wälti)

Tadschikischer Hausarzt beim Händewaschen an einer Lavabo-Eigenkonstruktion: Fliessend Wasser gibt es nicht in den Arztpraxen. (Bilder: Bernhard Wälti)

Bernard Wälti musste ein paar Mal leer schlucken bei seinem Einsatz für die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza). Und er dachte jeweils: «Das kann doch nicht wahr sein.» Die Sprache verschlug es dem Freidorfer beispielsweise bei jenem Mann, zu dem er auf Krankenbesuch ging. «Ich wollte von ihm wissen, was ihm fehlt», sagt Wälti. Er habe den Oberschenkelhals gebrochen, antwortete der Patient. Wälti konnte kaum glauben, was er hörte.

Denn der Mann lag im Bett auf dem Boden, das Bein angewinkelt, Fuss und Unterschenkel im Gips, daran quer befestigt ein Stück Holz, das verhindern sollte, dass das Bein seitlich kippt. «Der Mann erzählte mir, er sei im Spital gewesen», sagt Wälti. Dort habe man ihn untersucht und den Bruch diagnostiziert. Er habe jedoch kein Geld für die Operation zahlen können, die eigentlich nichts kosten sollte, da der Zugang zum Gesundheitswesen für alle Tadschiken gratis ist – zumindest auf dem Papier.

Bernhard Wälti Hausarzt aus Freidorf (Bild: pd)

Bernhard Wälti Hausarzt aus Freidorf (Bild: pd)

Löhne reichen kaum zum Leben

Tatsächlich läuft nichts ohne Schmiergeld, da die Ärzte sehr schlecht bezahlt und entsprechend auch schlecht motiviert sind. Der Monatslohn selbst eines Spezialisten liegt bei maximal etwa 250 Franken, ein einfacher Hausarzt verdient sogar nur etwa die Hälfte. Diese tiefen Gehälter reichen aber kaum zum Leben, was dem Mann mit Gips zum Verhängnis wurde, der Wälti mit hoffnungsvollen Augen anschaute, als er ins Zimmer trat. Der Freidorfer konnte ihm zumindest späteres Leid ersparen. Er sorgte dafür, dass der Mann sein eingegipstes Bein wenigstens gestreckt lagert – und der Bruch in der richtigen Position verheilen kann.

Wälti will die behandelnden Ärzte nicht in Schutz nehmen. Aber er hat auch gesehen, unter welchen schwierigen Bedingungen sie arbeiten müssen, vor allem auf dem Land, wo er bei fünf von ihnen jeweils drei Tage im Sprechzimmer sass. Wälti unterhielt sich dabei mit ihnen darüber, was den Patienten fehlt, und wie ihnen geholfen werden könnte. Hilfsmittel für die Diagnose gibt es in Tadschikistan fast keine, sagt Wälti: «Weder ein EKG noch ein Röntgen- oder Ultraschallgerät.» Die einzige elektrische Apparatur ist der Fernseher, der immer läuft. Viel mehr als das Stethoskop und die Erfahrung steht den Hausärzten nicht zur Verfügung, wenn ihnen ein Patient auf einem einfachen Holzstuhl gegenübersitzt. Es gibt in den Praxen nicht einmal fliessend Wasser, sondern bloss einen kleinen Tank, den die Arzthelfer mehrmals am Tag füllen müssen, damit sich der Chef die Hände waschen kann. Auch eine Heizung fehlt in der Regel. Im Winter arbeiten die Ärzte mit einer Fellmütze, wenn das Thermometer in den einfachen Holzbaracken auf Minus 20 Grad fällt.

Frauen ziehen sich nicht aus

Die Patienten entblössen sich unter diesen Bedingungen kaum einmal. Aber das tun die meisten auch im Sommer nicht, wenn die Sonne die Sprechzimmer auf 40 Grad aufheizt. «Die Frauen kommen verhüllt und ziehen sich grundsätzlich nicht aus», sagt Wälti. Das verbietet ihnen die Religion. Und die wenigen Männer, die noch im Land sind und nicht in Russland eine Arbeit gefunden haben, behalten die Hosen auch immer an. Entsprechend schwierig ist es herauszufinden, was ihnen fehlt.

Kommt dazu, dass die Hausärzte relativ schlecht ausgebildet sind. Das Medizinstudium dauert in Tadschikistan zwar wie in der Schweiz sechs Jahre. Danach geht es aber blitzschnell, sagt Wälti. Nach einer zweijährigen Zusatzausbildung sei man in der ehemaligen Sowjetrepublik beispielsweise bereits Chirurg. Er selber habe nach der Uni noch zehn Jahre im Spital gearbeitet, «wo ich mir den Feinschliff holte». Diese Erfahrung fehle den Ärzten in Tadschikistan.

Patient mit Oberschenkelhalsbruch.

Patient mit Oberschenkelhalsbruch.

Entsprechend gross seien die Erwartungen an ihn gewesen, sagt Wälti. Normalerweise würden die Tadschiken kaum zum Hausarzt gehen, dessen Ansehen sehr tief sei. «Alle rennen sofort zum Spezialisten und nehmen dabei auch gerne 200 Kilometer Fahrt in die Hauptstadt in Kauf.» Als sie gehört hätten, dass ein Doktor aus der Schweiz seinen Besuch angekündigt habe, seien sie in Scharen gekommen und hätten auch einen einstündigen Fussmarsch nicht gescheut.

Sprechzimmer voller Menschen

«Wir hatten teilweise 30 bis 40 Personen pro Tag bei uns», sagt Wälti. Was vor allem auch ein organisatorisches Problem war. Alle möglichen Personen seien jeweils im Untersuchungsraum gestanden. «Ich musste dann zuerst einmal für Ordnung sorgen und alle nach draussen schicken, die drinnen nichts zu suchen hatten.» Längst nicht allen habe er helfen können, sagt Wälti. Einen Geburtsfehler oder ein Schädel-Hirn-Trauma könne auch er nicht rückgängig machen.

Am Anfang habe er denn auch gedacht: «Was tue ich überhaupt hier?», sagt Wälti. Die tadschikischen Hausarztkollegen hätten seine Anwesenheit aber sehr geschätzt. «Ich hatte überaus positive Rückmeldungen von ihnen.» Bei einer Zusammenkunft sei einer sogar aufgestanden und habe ihm ausdrücklich gedankt, erinnert sich Wälti. Er sei jetzt sensibilisiert auf Probleme im Zusammenhang mit der Schilddrüse, habe der Mann gesagt. «Das hat mich sehr gefreut», sagt Wälti. Er habe sich dann gesagt: «Viele Tropfen machen einen Fluss.» Wenn es Menschen gebe, die so schlecht behandelt würden wie in Tadschikistan, müsse man ihnen helfen. Sein Beitrag sei vielleicht ein kleiner – aber trotzdem ein wichtiger. Und sicher kein nutzloser.