Disco-Rauch in Bombenwerkstatt

ARBON. Stählerne Piranhas, zwei Reihen Stacheldraht bei jeder Zufahrt, Soldaten mit Waffen im Anschlag: Das grossräumig abgesperrte Areal des Saurer-WerkZwei ist im Belagerungszustand. Die Armee und die Stützpunktfeuerwehr Arbon üben.

Max Eichenberger
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Bergung: Der Personenkorb der Feuerwehr-Autodrehleiter beim obersten Stockwerk.

Bergung: Der Personenkorb der Feuerwehr-Autodrehleiter beim obersten Stockwerk.

Die Bilder erinnern an Toulouse. Die Dämmerung bietet eine schwarz-blaue Kulisse. Im vibrierenden Lichtkegel von Feuerwehrautos huschen am Mittwochabend bewaffnete Gestalten übers Gelände. Im hinteren Bereich hat der Sanitätszug ein Lazarett errichtet. Im Flutlicht bespricht die Einsatzleitung die Lage. Polizei- und Feuerwehrkräfte sind vor Ort, zugezogen worden ist das Infanterie-Durchdiener-Bereitschaftsbataillon 143, 400 Mann stark. Auf Bitte des Ostschweizer Polizeikorps kommt es als Sicherheitsreserve in Einsatz.

Flächenbrand nach Anschlag

Stationiert ist die Durchdiener-Truppe gegenwärtig in Roggwil und Stachen/Arbon. Im Hamel-Gebäude hebt sie eine Bombenwerkstatt aus. In der St. Galler Innenstadt ist es zuvor zu einem verheerenden Bombenanschlag gekommen mit mehreren Toten. Eine Spur führt nach Arbon. Fünf Personen haben sich hier verschanzt. Die Ressourcen der Polizei sind erschöpft. Darum kommt das Inf DD / Ber Bat 143 unter dem Kommando von Oberstleutnant Pascal Häsler zum Zug.

Abgesperrt: Die Klarastrasse und sämtliche anderen Zufahrten ins Saurer-WerkZwei.

Abgesperrt: Die Klarastrasse und sämtliche anderen Zufahrten ins Saurer-WerkZwei.

Das Militär evakuiert die Zivilisten, die sich noch auf dem ehemaligen Saurer-Gelände aufhalten, rund 50 sind es. Die Stützpunktfeuerwehr ist angerückt und hilft mit Mann und Material. Der Einsatz ist gefährlich. Mit der Autodrehleiter werden Personen aus den oberen Etagen des Backsteinbaus geborgen. Rauch quillt aus den Fenstern in den Abendhimmel. Die Drohne, die in Altenrhein aufgestiegen ist, sieht man im Dunkeln nicht. Sie liefert Bilder aus der Luft. In einem der unteren Hamel-Stockwerke sind Granaten detoniert. Eine Gasflasche ist dabei explodiert.

Ernste Lage: Infanterist des Bereitschafts-Bataillons 143 rückt zum Objekt vor. (Bilder: Max Eichenberger)

Ernste Lage: Infanterist des Bereitschafts-Bataillons 143 rückt zum Objekt vor. (Bilder: Max Eichenberger)

Das Schreien der Verletzten

Beim Bahnhof gegenüber verfolgen Menschen mit verängstigtem Blick die gespenstische Szenerie. Dass es sich um eine grossangelegte kombinierte Übung verschiedener Einsatzkräfte handelt, das wissen nicht alle. Die Anwohner von der Schöntalstrasse bis zur Überbauung Seepromenade sind am Vortag durch Armeeangehörige vorinformiert worden. «Man hat uns vorgewarnt, es könnte etwas lärmig zu und her gehen», sagt eine Anwohnerin. So kommt es denn auch. Durch Mensch, Maschine und (Übungs-)Munition. Befehle und Anordnungen werden mitunter gebrüllt, damit sie verstanden werden. Motoren laufen, Scheiben klirren. Verletzte schreien, dass es durch Mark und Bein geht. Rettungssoldaten tragen sie auf Bahren weg. Spezialisten haben das massive Gebäude gestürmt. Die – für die Übung «Compito 12» nicht vorgewarnte – Feuerwehr löscht den Brand und hilft bei der Versorgung der Verletzten – mit relativ knappem Bestand, wie Vizekommandant Raphael Heer einräumt. Nach dem Alarm sind 56 Feuerwehrangehörige ausgerückt – vom Gesamtbestand von gut 100.

Feuerwehrmann gibt Wasser. (Bilder: Max Eichenberger)

Feuerwehrmann gibt Wasser. (Bilder: Max Eichenberger)

Stadtrat Konrad Brühwiler, für das Ressort Sicherheit zuständig, ist mit einem Gästeausweis einer der wenigen Privilegierten, welche die Übung hautnah erleben. Alt Feuerwehrkommandant Paul Hungerbühler gelingt es schliesslich auch noch, an einer Horde Demonstranten vorbei, die von der Armee in Schach gehalten wird, sich über die Klarastrasse Zutritt zu verschaffen.

Rauch steigt aus dem «Hamel».

Rauch steigt aus dem «Hamel».

Gerstensuppe als später Znacht

Zum Bombenanschlag gibt's auch noch Krawalle und Ausschreitungen: Der Übung zugrunde liegen, so lässt die Armee verlauten, «sowohl realitätsnahe als auch frei erfundene Inhalte». Ein Drittel des Bataillons markiert Zivilisten und die Gegenpartei.

Die Arboner Feuerwehrleute schwitzen in ihren Monturen. Sie werden im Anschluss an die Übung noch in den Genuss einer währschaften Bündner Gerstensuppe kommen – für das entgangene Nachtessen zu Hause.