«Dieses Jahr haben wir 1200 Schals erhalten»

Der evangelische Diakon und Seelsorger im EVZ (Erstaufnahme- und Verfahrenszentrum) Kreuzlingen, Hanspeter Rissi, veranstaltet seit vielen Jahren eine Weihnachtsfeier für Asylsuchende. Als Geschenk gibt's für alle selbstgestrickte Schals. Sie stammen von Freiwilligen aus der ganzen Schweiz.

Martin Rechsteiner
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Hanspeter Rissi Evangelischer Diakon und Seelsorger im EVZ Kreuzlingen (Bild: pd)

Hanspeter Rissi Evangelischer Diakon und Seelsorger im EVZ Kreuzlingen (Bild: pd)

Herr Rissi, wie kommen Sie darauf, mit Asylsuchenden, die meisten davon Moslems, Weihnachten zu feiern?

Hanspeter Rissi: Diese Frage wird mir oft gestellt. Klar, Weihnachten ist ein christliches Fest. Das wichtigste sogar. Moslems kennen die Geschichte aber auch. Für die meisten ist es kein Problem, an einer Weihnachtsfeier dabei zu sein. Ganz im Gegenteil. Sie geniessen das frohe Zusammensein. Darum geht es auch uns Veranstaltern. Wir wollen den Leuten aus aller Welt unsere Traditionen zeigen. Es geht hier nicht darum, irgendjemanden von unserem Glauben zu überzeugen. Die Weihnachtsfeier ist deshalb natürlich auch freiwillig. Meist nimmt ein Grossteil der Leute aus dem EVZ daran teil.

Wie viele sind das?

Rissi: Obwohl sich die Teilnehmer anmelden müssen, weiss man das im Vorfeld nie so genau. Von den rund 500 Leuten, die derzeit im EVZ Kreuzlingen sind, rechnen wir, dass etwa drei- bis vierhundert kommen werden. Das sind so viele wie noch nie zuvor. Deshalb weichen wir vom Kirchgemeindehaus, wo die Feier in den letzten zehn Jahren jeweils stattfand, ins Dreispitz in Kreuzlingen aus. Die Stadt hat uns die Sporthallen für den Anlass zur Verfügung gestellt.

Wer organisiert das denn alles?

Rissi: Eigentliche Organisatoren sind die reformierte und die katholische Landeskirche. Für das Fest an sich sind wir vier Seelsorger vom EVZ zuständig. Dazu kommen die Stadt Kreuzlingen als Partnerin und viele freiwillige Helferinnen und Helfer, ohne die so etwas nicht möglich wäre.

Zu Weihnachten gehören natürlich auch Geschenke. Diese organisieren Sie jedes Jahr mit einer Aktion...

Rissi: Ja, das ist unsere Schal-Aktion. Wir wollen allen Leuten etwas auf den Weg geben. Viele von ihnen sind wärmeres Wetter gewohnt. Deshalb verschenken wir selbstgestrickte Schals. Am letzten Freitag haben wir sie in Geschenkpapier verpackt.

Wer strickt denn all die Schals?

Rissi: Freiwillige aus der ganzen Schweiz, vor allem aber aus der Ostschweiz. Dank Mund-zu-Mund-Propaganda gibt es jedes Jahr viele Leute, die zu den Stricknadeln greifen. Dieses Jahr haben wir sage und schreibe 1200 Schals erhalten. Meist sind es ältere Damen, die für uns stricken. Hier und dort wagen sich aber auch Herren an Wolle und Nadeln.

Herr Rissi, Sie arbeiten als Seelsorger im EVZ. Was erleben Sie da jeden Tag?

Rissi: Immer wieder Interessantes. Die Leute schätzen uns, denn wir Seelsorger sind oft die ersten, die nichts zum Thema Asyl fragen. Einige der Leute, die hier ankommen, sind hochgebildet – von Herzchirurgen bis zu Software-Entwicklern. Das sind Menschen, die durchaus auch die eigene Religion hinterfragen. Es entsteht ein spannender Austausch. Generell herrscht eine friedliche und solidarische Stimmung im EVZ. Dafür müsste nicht einmal Weihnachten sein.

Die Weihnachtsfeier für Asylsuchende aus dem EVZ findet heute ab 17.30 Uhr im Dreispitz in Kreuzlingen statt.

Frauen verpacken Schals. (Bild: Reto Martin)

Frauen verpacken Schals. (Bild: Reto Martin)

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