Die Verwaltung vergisst nie

Vor 50 Jahren bezahlte ein Mann offenbar hundert Franken zu wenig Steuern an die Stadt Kreuzlingen. «Schwamm drüber» gibt es bei der Stadtkasse nicht. Wegen der Gerechtigkeit und weil es sich lohnt, dranzubleiben.

Urs Brüschweiler
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KREUZLINGEN. Ein bisschen skurril wirkt die Geschichte schon auf den ersten Blick. Die Stadtkasse Kreuzlingen verschickt eine Erinnerung an einen Mann, der just am Ende des Zweiten Weltkriegs geboren wurde, aber seit Jahrzehnten nicht mehr in der Stadt wohnt. Er schulde ihnen noch Geld, eine kleine dreistellige Summe, seit 48 Jahren. Der Grund ist ein Verlustschein über nicht bezahlte Staats- und Gemeindesteuern von 1965 und 1966. Man bitte darum, innert 30 Tagen einen Zahlungsvorschlag zu unterbreiten. Auch ein persönliches Gespräch bietet die Stadtkasse dem Schuldner an.

Kein Akt der Langweile

«Da wiehert der Amtsschimmel», findet ein anderer Mann, der unserer Zeitung dieses Schreiben der Stadtkasse im Namen des Adressaten hat zukommen lassen. «Wie gelangweilt geht es wohl auf dieser Stadtverwaltung zu und her?», fragt er sich etwas zynisch. Er lobt zwar die tüchtige Mitarbeiterin, welche die offene Rechnung gefunden habe, geht aber davon aus, dass der Such-Aufwand wohl deutlich grösser war als die ausstehende Summe.

So kommt viel Geld herein

Die Stadtverwaltung liefert auf Nachfrage sowohl eine opportunistische wie auch eine moralische Begründung für das Vorgehen. Fakt sei, dass Verlustschein-Schuldner irgendwann ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen sind. «Es ist eine Frage der Gerechtigkeit, gegenüber all jenen, welche ihre Steuern korrekt bezahlen», erklärt Stadtammann Andreas Netzle. Die Stadt Kreuzlingen sei überdies die Bezugsstelle nicht nur für ihre eigenen Gemeindesteuern, sondern auch für jene anderer Körperschaften wie Kanton, Schulen und Kirchen. Auch deshalb könne man auf offene Forderungen nicht einfach verzichten. Hinzu kommt, dass sich die Bewirtschaftung der Verlustscheine lohnt (siehe Kasten). «Den Erfolg sieht man in der Rechnung der Stadt Kreuzlingen», erklärt Finanzchef Thomas Knupp.

Software managt die Termine

Die Aufgabe der Verlustschein-Bewirtschaftung obliegt der Stadtkasse seit etlichen Jahren. Wie von Stadtkassier Urs Schläpfer zu erfahren ist, habe Kreuzlingen gar massgeblich bei der Entwicklung einer Software des Verwaltungsrechenzentrums St. Gallen (VRSG) mitgewirkt. Das Programm unterstütze nach einmaliger Erfassung sämtliche Vorgänge beim Inkasso und bei Verlustschein-Fällen, wie etwa Adress-Abklärungen, Erinnerungs-Schreiben an Schuldner, Abklärungen der finanziellen Situation bei den Wohngemeinden, Zahlungsvereinbarungen oder die erneute Einleitung von Betreibungen. Durch die Tatsache, dass die Software die Termine überwache, spiele es deshalb vom Aufwand her auch keine Rolle, ob Forderungen von 100 000 Franken oder nur 100 Franken betroffen seien.