Die Unsichtbare

WEINFELDEN. Eun-Hye Lee ist seit drei Jahren Organistin an der katholischen Kirche in Weinfelden. Dass man sie während ihrer Arbeit nicht sieht, macht ihr nichts aus. Wenn die Leute nichts sähen, hörten sie umso konzentrierter zu, sagt sie.

Esther Simon
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Sie hat ihr Instrument tief ins Herz geschlossen: Die Organistin Eun-Hye Lee an der Orgel in der katholischen St.-Johannes-Kirche in Weinfelden. (Bild: Donato Caspari)

Sie hat ihr Instrument tief ins Herz geschlossen: Die Organistin Eun-Hye Lee an der Orgel in der katholischen St.-Johannes-Kirche in Weinfelden. (Bild: Donato Caspari)

Das nennt man Liebe auf den ersten Blick. Als die heute 38jährige Eun-Hye Lee vor drei Jahren die Orgel in der katholischen Kirche in Weinfelden das erste Mal spielte, war sie auf Anhieb vernarrt in das Instrument. «Diese Orgel ist eine Persönlichkeit, sie hat eine wunderbare romantische Klangfarbe. Ihr Klang berührt meine Seele.» An Samstagen und Sonntagen, oft auch unter der Woche, begleitet Eun-Hye Lee die kirchlichen Handlungen musikalisch. An Sonntagen und zu unregelmässigen Zeiten zu arbeiten, das macht ihr nichts aus. Daran hat sie sich gewöhnt.

Immer nur nachts geübt

«Als ich Assistenzorganistin am Berliner Dom war, konnte ich sogar nur nachts üben, da der Dom tagsüber von Touristen belagert war.» Ein Vorteil sei aber schon, dass sie mit ihrem Mann Simon Menges in der Nähe – in Arbon – wohne, räumt Eun-Hye Lee ein. Simon Menges ist Katholik und Organist an der evangelischen Kirche in Arbon. Eun-Hye Lee bekennt sich zum evangelischen Glauben. Dass sie als Reformierte katholische Gottesdienste musikalisch begleitet, das ist für sie kein Problem. «Es ist doch schön, wenn ich etwas Neues erleben kann. Ich kann ja nur profitieren.»

Dass die Orgel auf der Empore hinten im Kirchenschiff steht und dass sie die Gläubigen während ihrer Arbeit gar nicht sehen, macht ihr nichts aus. «Wenn die Menschen nichts sehen, dann hören sie umso konzentrierter zu. Und wenn der Klang von hinten und von oben kommt, könnte man ja vielleicht meinen, er käme vom Himmel.»

Gut eingespielt

Als Eun-Hye Lee vor drei Jahren ihr Organistenamt antrat, waren auch Pfarradministrator Josef Wiedemeier und die Leiterin des Kirchenchors, Manuela Eichenlaub, neu im Amt. «Die Zusammenarbeit hat sich sehr gut eingespielt», sagt Eun-Hye Lee. «Es besteht ein gutes Einvernehmen. Der Pfarrer macht die Liedauswahl. Ich schaue die Auswahl an und kann Vorschläge einbringen.»

Wenn sie musiziert, nimmt Eun-Hye Lee Rücksicht auf die Anzahl der Besucher in der Kirche. «Ich schaue ins Kirchenschiff hinunter und spiele dann – je nach Anzahl der Besucher – etwas leiser oder etwas lauter.» Mit ihren 36 klingenden Registern, dem Pedal und drei spielbaren Manualen gehört die Orgel in der St. Johannes-Kirche sicher nicht zu den ganz grossen in der Schweiz – die grösste Kirchenorgel steht in Engelberg und hat etwa hundert Register. Aber aus dem Instrument in Weinfelden lässt sich mächtig was herausholen. Das hat Eun-Hye Lee auch schon an Konzerten bewiesen. Denn auch im Weinfelder Abendmusikzyklus engagiert sie sich, zusammen mit dem Kantor der Evangelischen Kirchgemeinde, Daniel Walder.