Die Tochter von Zurückkehrenden

«Die Gesellschaftsnormen respektiere ich ab und zu noch nicht so ganz», gesteht Paula Silva schmunzelnd. Die gebürtige Portugiesin hilft Ausländern, sich hier zurechtzufinden, und macht den Auftakt zu unserer Sommerserie.

Manuel Nagel
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Paula Silva vor dem Stadthaus Amriswil, wo sie seit fünf Jahren als Integrationsdelegierte arbeitet. (Bild: Manuel Nagel)

Paula Silva vor dem Stadthaus Amriswil, wo sie seit fünf Jahren als Integrationsdelegierte arbeitet. (Bild: Manuel Nagel)

AMRISWIL. Paula Silva war schnell klar – fertig mit der Träumerei, jetzt wird's ernst. Als 18jähriges Mädchen kam sie 1992 aus Portugal nach Amriswil. Ihr Vater arbeitete vier Jahre auf dem Bau als Saisonnier und konnte nun die Familie nachziehen. «Weil ich volljährig war, hatte ich nur drei Monate Zeit, um Arbeit zu finden», erinnert sich Paula Silva. Sie fand diese bei Eugster/Frismag und dort mit Frau Bischof und Herrn Kast Mitarbeiter, die sich um sie kümmerten.

Rassismus aus Neid

Ganz unvorbereitet kam der Teenager jedoch nicht in die Ostschweiz. Früh war schon klar, dass die Familie ihrem Vater in den Thurgau folgen würde, weshalb Silva ab dem 15. Lebensjahr Deutsch als Freifach belegt hatte.

Es war nicht der erste grosse Umzug der heute 42-Jährigen. Als Kind kehrten sie mit den Eltern aus der portugiesischen Ex-Kolonie Moçambique an der Ostküste Afrikas in ihre Heimat zurück. Wobei das mit dem Begriff Heimat so eine Sache ist.

«Dieses Gefühl von Heimat kenne ich nicht», gibt Silva unumwunden zu. Als Tochter von Zurückkehrenden erfuhr sie in Portugal Rassismus – auch ohne afrikanische Wurzeln und ohne dunkle Haut. Die Grosseltern väterlicherseits waren einst nach Afrika gezogen, und den Portugiesen ging es in der ehemaligen Kolonie gut. «Man hat uns beneidet, weil wir in Moçambique ein besseres Leben führten als die meisten in Portugal.»

Warmherzige Schocherswiler

Auch Landsleute von ihr, welche aus der Schweiz auf die iberische Halbinsel zurückkehren, würden dort oft als «Schweizer» betitelt. «Das ist nicht immer ein Kompliment», stellt Silva klar.

Mehr Zuneigung erfuhr sie jedoch, als sie mit ihrem Partner nach Schocherswil zog, wo sie sehr warmherzig aufgenommen worden seien. «Die Leute dort haben mir nie zu verstehen gegeben, dass ich eine Ausländerin sei. Sie haben ein echtes und natürliches Interesse an mir und meiner Familie gezeigt.» Schocherswil und Amriswil, wo sie ein Stück ihres Herzens gelassen habe, seien für sie genauso Heimat wie Portugal, oder Köln, wo sie einen Sprachaufenthalt gemacht hat, und Romanshorn, wo sie jetzt mit ihrer Familie wohnt.

Mit der Geburt des zweiten Kindes brauchte die Familie mehr Platz. «Ich habe immer gesagt, dass wir nur aus Schocherswil weggehen, wenn wir etwas Eigenes kaufen», betont Silva, die selbst vier Jahre nach ihrem Wegzug noch immer Mitglied im Dorfverein Schocherswil ist.

«Das passt nicht immer allen»

Doch auch in Romanshorn hat Paula Silva schnell Anschluss gefunden. Schliesslich hat sie dort für die Gemeinde seit 2007 als Integrationsbeauftragte gearbeitet, bevor sie 2011 in Amriswil dieselbe Arbeit in Angriff nahm. Die einstige Migrantin hilft somit seit neun Jahren mit, dass sich Ausländer bei Behördengängen zurechtfinden oder dass sie keine Fristen versäumen. «Das passt nicht immer allen», verrät Silva. Etwa dann, wenn sie die Menschen darauf hinweist, dass sie Prämienverbilligungen beziehen könnten.

Hohe Glaubwürdigkeit

Mit ihrem eigenen Migrationshintergrund, dadurch, dass sie erst spät in die Schweiz eingereist war und so die Integrationsphase als Erwachsene «erleben durfte, musste, konnte», geniesst Silva eine hohe Akzeptanz bei ihren Klienten. «Es ist ein Vorteil für beide Seiten», findet Silva. Sie könne deren Probleme schneller nachvollziehen und diese auch leichter thematisieren. So hat sie beispielsweise einen Schwimmkurs für Frauen ins Leben gerufen. Denn Schwimmen – für die meisten Schweizer eine Selbstverständlichkeit – beherrschen viele Migrantinnen nicht. Wie auch das Velofahren. «Nicht überall sind die Autofahrer so gesittet wie hier», sagt sie lachend.

«Dass ich helfen kann», das sei das Tolle an ihrem Beruf, sagt Silva, die für mehr Verständnis in der Kommunikation wirbt. Die Feinheiten des Deutschen seien für Ausländer oft schwer zu verstehen. «Es ist keine Schande, bei Unklarheiten nachzufragen. Das gilt für beide Seiten», findet sie.

Heirat nach 17 Jahren

Gerade bei der Sprache fühlt sich Paula Silva – obwohl sie sehr gut Deutsch spricht – nicht immer gut integriert. «Manchmal finde ich die passenden Worte nicht», hadert sie mit sich. «Bei einem Todesfall zum Beispiel.»

Oder wenn ihre Meinungen zu bestimmten Schweizer Gesetzen etwas gar despektierlich abgetan werden. «Die Gesellschaftsnormen respektiere ich ab und zu noch nicht so ganz», sagt mit einem Schmunzeln die kritische Staatsbürgerin, die seit 2009 im Besitze des Schweizer Passes ist, was sie mit einem Glas Schampus gefeiert hat. «Alkoholfrei», präzisiert sie, denn sie war im achten Monat schwanger. Das war für sie zugleich auch Antrieb, denn sie wollte, dass ihre Tochter durch sie und nicht durch ihren Schweizer Partner den roten Pass bekommt – was auch auf sie zutrifft. Doch nun, nach 17 Jahren «wilder Ehe», läuten im Herbst die Hochzeitsglocken.

Bild: MANUEL NAGEL

Bild: MANUEL NAGEL