Die Suche nach den Kühlschränken

Geräuschvoll rollt der gelbe Bagger über den zugefrorenen Rasen. Es ist bitterkalt, minus 15 Grad. Der Wind bläst unerbittlich, der Schneefall trübt die Sicht. Trotz der garstigen Verhältnisse wagt sich eine Handvoll Leute zum Kreuzlinger Hafen.

Drucken
Teilen
Auf der Wiese vor dem Minigolfplatz graben Eva-Maria Knaus und Baggerfahrer Roman in den Untergrund. Zum Vorschein kommen Glas- und Keramikscherben, Ziegelsteine und Teile von Zaumzeug. (Bilder: Reto Martin)

Auf der Wiese vor dem Minigolfplatz graben Eva-Maria Knaus und Baggerfahrer Roman in den Untergrund. Zum Vorschein kommen Glas- und Keramikscherben, Ziegelsteine und Teile von Zaumzeug. (Bilder: Reto Martin)

Geräuschvoll rollt der gelbe Bagger über den zugefrorenen Rasen. Es ist bitterkalt, minus 15 Grad. Der Wind bläst unerbittlich, der Schneefall trübt die Sicht. Trotz der garstigen Verhältnisse wagt sich eine Handvoll Leute zum Kreuzlinger Hafen. Denn in wenigen Augenblicken wird der Bagger zutage führen, was Kreuzlingen vor Jahrzehnten am Hafen aufgeschüttet hat. Was in der Erde unterhalb der Seepromenade steckt.

Es droht ein Baustop

Altlasten nennt dies der Fachmann. Es ist kein Geheimnis, dass das Seeufer zwischen der Kreuzlinger Seeburg und dem Konstanzer Hafen zwischen 1900 und 1972 mit Kehricht, Bauschutt und Aushubmaterial aufgefüllt worden war. Nun will die Stadt Gewissheit, ob der im Untergrund deponierte Abfall eine Gefährdung für den Bodensee darstellt. Sonst bewilligt der Kanton keine Umbaumassnahmen mehr im Hafenbereich.

Verantwortliche vor Ort ist Eva-Maria Knaus von der AllGeol AG in Steckborn. Noch vor den ersten Grabungen dämpft sie die Erwartungen: «Wir werden hier keine Kühlschränke oder alte Autos finden.» Macht Sinn. Denn auf Kreuzlinger Seite fanden die Aufschüttungen zwischen 1900 und 1935 statt – als es noch keine Kühlschränke gab. «Es wird vor allem Bauschutt sein, vielleicht ist mal ein alter Topf drunter.»

Besser keinen Erfolg

Gespannt sehen die Anwesenden Baggerfahrer Roman zu, wie er die Schaufel nach und nach immer tiefer in die Erde gräbt. Der erste Meter fördert wenig Interessantes zutage.

Ein Fussgänger marschiert trotz Eiseskälte und peitschendem Wind an der Grube vorbei, bleibt stehen, betrachtet die schlotternden Gestalten auf der Wiese. «Untersuchen Sie hier den Untergrund nach Altlasten?», fragt er. «Ja ja, das waren noch Zeiten, als das Seeufer als Mülldeponie diente. Alles Mögliche wurde dort abgelegt», erzählt der Deutsche, der jahrelang für den Werkhof in Radolfzell arbeitete. Er relativiert aber auch: «Die Abfälle waren damals weit weniger schlimm als heute, da es noch keine Chemie gab.» Die Leute hätten vor allem aus Unwissenheit gehandelt, nicht aus Vorsatz.

Viel Erfolg wünscht er beim Gehen – «oder besser keinen Erfolg». Darauf hofft auch Knaus, die an der ETH Umwelt- und Naturwissenschaften studierte. Über zwei Meter tief hat sich der Bagger mittlerweile in die Erde gegraben. Der grösste Teil des Aushubs ist wie erwartet Bauschutt. Einzelne Keramik- und Glasteile finden sich. Ziegelsteine, Teile eines Ofens und gar Zaumzeug eines Pferdes sind darunter. Aber die Menge ist im Vergleich zum Aushubmaterial gering. Und kritische, gefährliche Abfälle finden sich erst recht nicht.

An der Erde schnüffeln

Mit einer Holzkelle nimmt Knaus immer wieder Proben der Erde, schnuppert daran. Zu weiteren Untersuchungen nimmt sie auch einen Eimer voll mit. Unterdessen ist auch Werner Stiefel, Leiter Werkdienst der Stadt, an der Ausgrabungsstätte angekommen. «Na, wo sind die Kühlschränke», fragt er lachend.

Nach etwas mehr als drei Metern winkt die Projektleiterin ab. «Hier finden wir nichts.» Für die Journalisten habe sich das Kommen also nicht gelohnt, sagt sie beinahe schon entschuldigend. «Für die Stadt ist es jedoch eine gute Nachricht», betont sie. Das hört Stiefel gerne. Überraschend kommt das Resultat für Knaus nicht. «Die Kreuzlinger Seite ist weit weniger schlimm als das Konstanzer Ufer.» Im Bereich der Fussballfelder und weiter Richtung Konstanzer Hafen erwartet die Projektleiterin aufschlussreichere Resultate – denn dort wurde bis in die 70er-Jahre Abfall deponiert. Die Arbeiten auf Schweizer Seite gehen Ende Februar weiter. Dann soll der Boden mittels Bohrungen bis zu einer Tiefe von sechs Metern untersucht werden. Thomas Ammann

Kreuzlingen TG - Das Hafenareal in Kreuzlingen wird auf Altlasten untersucht. Die Grabungen haben allerdings nichts ans Tageslicht gebracht ausser ein paar harmlose Altagsgegnstaende. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Kreuzlingen TG - Das Hafenareal in Kreuzlingen wird auf Altlasten untersucht. Die Grabungen haben allerdings nichts ans Tageslicht gebracht ausser ein paar harmlose Altagsgegnstaende. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Projektleiterin Eva-Maria Knaus. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Projektleiterin Eva-Maria Knaus. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))