«Die Stadt holt neuen Schwung»

Stadtpräsident Thomas Weingart geizt nicht mit Komplimenten, wenn es um Bischofszell geht. Er lobt das grosse Engagement der Einwohner in vielen Bereichen. Kopfzerbrechen bereiten ihm Verkehrsprobleme und die Finanzen.

Rita Kohn
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Thomas Weingart, Stadtpräsident von Bischofszell, auf der durch einen Hangrutsch in Mitleidenschaft gezogenen Haldenstrasse. (Bild: Reto Martin)

Thomas Weingart, Stadtpräsident von Bischofszell, auf der durch einen Hangrutsch in Mitleidenschaft gezogenen Haldenstrasse. (Bild: Reto Martin)

Herr Weingart, welche fünf Begriffe charakterisieren Ihre Stadt am besten?

Thomas Weingart: Barock, kokett, charmant, munter, liebenswert.

Welches Argument könnte jemanden dazu bewegen, in Ihre Stadt zu ziehen?

Weingart: Die schönsten Blumen blühen oft im Verborgenen. Wer sich Bischofszell genauer ansieht, wird dem Charme dieser Stadt erliegen. Und ausserdem: Unsere Altstadt ist das reinste Einkaufsparadies mit Bäckerei, Kaffee-Konditorei, Papeterie, Reisebüro, Bücherladen, Bijouterie, Mode-Boutique, Elektro-Fachgeschäft, Computer-Fachgeschäft, Optiker, Coiffeur, Drogerie, Apotheke, Blumenladen, Geschenkladen, Käseladen, Weinhandlung, Restaurants und Grossisten. Wer das Gedränge, das künstliche Licht und die stickige Luft in den Einkaufszentren nicht mag, der kauft bei uns ein und schätzt die guten Läden, die frische Luft und die schöne Altstadt.

Welcher Kritikpunkt könnte eher abschreckend wirken?

Weingart: Wenn es regnet – was selten der Fall ist – braucht es einen Schirm zum Einkaufen.

Die Städte im Oberthurgau wachsen langsamer als jene im Westen des Kantons. Sind Sie mit der Bevölkerungsentwicklung in Ihrer Stadt zufrieden?

Weingart: Wir sind vollends zufrieden. Unser Wanderungssaldo entwickelt sich zu unserer Freude massvoll im Positiven.

Und wie geht es dem Gewerbe und der Industrie in Ihrer Stadt?

Weingart: Die Herausforderungen für die Industrie sind mit dem Ende der Euro-Untergrenze grösser geworden. Die Handwerker sind – wie mir scheint – gut ausgelastet. In der Stadt wird rege gebaut und saniert. Der Detailhandel jedoch beisst schon seit Jahren auf hartes Brot.

Was hat sich 2015 in der Stadt positiv verändert?

Weingart: Stadtammann Josef Mattle wurde von der Bevölkerung würdig und ehrenvoll verabschiedet. Damit bekräftigten die Bischofszellerinnen und Bischofszeller, dass die alten Grabenkämpfe der Vergangenheit angehören und das Miteinander wieder im Zentrum steht. Dem neu gewählten Stadtrat wird viel Wohlwollen entgegengebracht. Es ist eine Freude. Die Stadt holt neuen Schwung.

Was ist der aktuelle Brennpunkt der Stadt?

Weingart: Es «brennt» an allen Ecken und Enden, nicht lichterloh, aber es gibt einiges zu tun. Im Mittelpunkt stehen Strassenprojekte, Verkehrsplanungen, Ortsplanung, Leistungsüberprüfung, Verwaltungsanalyse, Grundsätzliches zu den Technischen Betrieben und Grundsätzliches zum Bürgerhof, unserem Alters- und Pflegeheim.

Gibt es etwas, das sich 2015 zum Negativen verändert hat?

Weingart: Ich bin noch zu wenig lang im Amt, um das beurteilen zu können.

Bischofszell ist Energiestadt. Ist man dem Ziel im Jahr 2015 näher gekommen?

Weingart: Wir kommen dem Ziel mit jedem Jahr einen Schritt näher, und wenn es uns letztlich lediglich Jahr für Jahr gelingt, ein paar Dutzend Leute für die Thematik zu sensibilisieren. Die Energy-Tour stösst jeweils auf grosses Interesse.

Was war für Sie der Höhepunkt im Jahr 2015?

Weingart: Es gab einige: Die Wahl, die erste Stadtratssitzung, die erste Gemeindeversammlung, aber auch die Geburt meines Patenkindes Timo oder Konzerte unserer beiden Buben, die in verschiedenen Formationen Musik machen.

Und was war der Tiefpunkt oder der grösste Ärger?

Weingart: Den behalte ich lieber für mich.

In welchem Bereich würden Sie Ihre Stadt zum Spitzenfeld zählen?

Weingart: An erster Stelle sind dabei die vielen Menschen zu erwähnen, welche diese Stadt prägen. Die Bischofszellerinnen und Bischofszeller sind überaus engagiert, sie bringen sich ein und wirken mit. Eine Stärke unserer Stadt sind daher die Vereine, die Kirchgemeinden und die zahlreichen Frauen und Männer, die sich auf irgendeine Weise für die Stadt und ihre Bewohnerinnen und Bewohner engagieren.

… und wo liegt Ihre Stadt unter dem Durchschnitt?

Weingart: Mit dem Steuerfuss liegen wir über dem Durchschnitt – im negativen Sinn.

Welche Probleme ist die Stadt 2015 angegangen, und wo hat sie Massnahmen eingeleitet?

Weingart: Verschiedene Strassenprojekte haben uns gefordert: Die Erweiterung der Laubeggstrasse, die Sanierung der Oberen Bisrütistrasse oder die Sanierung der Haldenstrasse, die nach einem Hangrutsch nur noch zur Hälfte steht. Ausserdem hat der Stadtrat zahlreiche Grundsatzentscheidungen zu Fragen gefällt, welche schon einige Zeit im Raum standen. Stichwort Technische Gemeindebetriebe, Sulgerstrasse, Feuerwehrdepot etc.

Wie steht es um die Finanzen der Stadt?

Weingart: Bischofszell ringt mit einem strukturellen Defizit von jährlich einer halben Million Franken. Wir werden im kommenden Jahr unsere Ausgaben und Leistungen hinterfragen und erhoffen uns dadurch Einsparungen.

Wenn Sie sich – jetzt mal unabhängig von den Finanzen – ein Bauwerk für die Stadt wünschen könnten, was wäre das?

Weingart: Da muss ich nicht lange überlegen: Einen langen, langen, langen Tunnel wünsche ich mir für die Stadt, einen Tunnel, der uns vom Verkehr entlastet.

Bald sind Grossratswahlen. Damit ist es vier Jahre her, seit die Thurgauer Bezirke neu geordnet worden sind. Haben Sie den Eindruck, Ihre Stadt hat in der neuen Bezirkseinteilung noch dieselbe Bedeutung wie vorher?

Weingart: Nein, das hat sie nicht. Die Vertretung im Grossen Rat ist ein gutes Beispiel dafür. Aktuell sitzt mit Cäcilia Bosshart nur gerade eine Politikerin aus Bischofszell im Rat. Das wird sich – so hoffe ich – im kommenden Jahr ändern, denn die Parteien schicken ausgezeichnete Kandidatinnen und Kandidaten aus unserer Stadt ins Rennen.

Werfen Sie einen Blick auf den Veranstaltungskalender. Was würden Sie sich wünschen, das in Ihrer Stadt öfters stattfinden könnte?

Weingart: Wünsche hätte ich diesbezüglich einige: ein Kinderfest, ein Badifest und ein Stadtfest. Aber wir werden das Fuder nicht überladen. Alles schön der Reihe nach…

Viele Städte leben auch von der Prominenz ihrer Bürgerinnen und Bürger. Wer hat in Ihren Augen 2015 den Namen ihrer Stadt am weitesten getragen?

Weingart: In Bischofszell sind es nicht einzelne Bürgerinnen und Bürger, die den Namen der Stadt in die Welt hinaustragen. Es sind in erster Linie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der grossen Bischofszeller Unternehmen, die Teams der Bischofszell Nahrungsmittel AG, der Lacobi oder der Molkerei Biedermann zum Beispiel, die Produkte herstellen, die nicht nur wegen ihrer Qualität, sondern auch wegen ihrer Herkunft Beachtung finden. Und nicht zu vergessen ist die Bischofszeller Rosen- und Kulturwoche, die über die Landesgrenze hinaus bekannt ist.

Sie haben mehrere Partnerstädte. Wie haben die Städte 2015 diese Partnerschaft gepflegt?

Weingart: Zur Verabschiedung von Josef Mattle und bei der Eröffnung der Rosen- und Kulturwoche lernte ich Vertreter der Partnerstädte kennen. Ich bin noch nicht dazu gekommen, sie zu besuchen. Fürs Erste habe ich mich auf die Nachbargemeinden konzentriert, die im politischen Alltag die weitaus wichtigeren Partner sind.

Worauf sind Sie als Bischofszeller Stadtpräsident stolz?

Weingart: Auf ein Team, das einen ausgezeichneten Job macht und jeden Tag das Beste gibt. Manchmal ist das nicht gut genug, manchmal sind die Bürgerinnen und Bürger nicht zufrieden. In genau solchen Situationen sind die Teams im Rathaus, auf der Bauverwaltung oder bei den Technischen Gemeindebetrieben in der Lage, noch einen obendrauf zu legen und der Bürgerin oder dem Bürger bei der Lösung eines Problems zu helfen.

Was haben Sie sich als Stadtpräsident für das Jahr 2016 vorgenommen?

Weingart: Den Schwung aus dem aktuellen Jahr mitnehmen und das umsetzen, was wir uns vorgenommen haben.

Worauf freuen Sie sich besonders, wenn Sie einen Blick auf die kommenden Monate werfen?

Weingart: Auf die Diskussionen mit der Bevölkerung. Wir werden in den nächsten Monaten und Jahren einige wichtige Fragen klären müssen. Strukturelle Fragen, planerische und strategische. Dabei werden wir naturgemäss nicht immer einer Meinung sein. Aber wir können gemeinsam eine Diskussions- und Streitkultur entwickeln, und hier möchte ich entscheidend Einfluss nehmen.

Welches wird im Jahr 2016 die grösste Herausforderung für die Stadt sein?

Weingart: Die grösste Herausforderung wird sein, ein einigermassen ausgewogenes Budget für 2017 zu verabschieden, ohne dass eine Steuererhöhung notwendig wird.

Wenn Sie einen Blick auf die fast benachbarte Stadt Amriswil werfen, worum beneiden Sie sie?

Weingart: Um den Kreisel-Stier auf der Alleestrasse. Das ist ein streitbares, mutiges und cleveres Kunstobjekt, das mit jedem Mal, wenn die Plattform neu mit Kunst bespielt wird, zu Diskussionen führen wird. Genau das macht Kunst aus. Die Idee ist genial.

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