«Die Schweiz ist ein gutes Land»

ROMANSHORN. Aigyerim Samigat war bis jetzt nur einmal im Ausland – über der nahen Grenze in Russland. Jetzt lebt die Mongolin für ein Jahr in Romanshorn, besucht die Kantonsschule und freut sich über die grosse Hilfsbereitschaft.

Christa Kamm-Sager
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Fühlt sich wohl in Romanshorn: Aigyerim hält sich viel in der grossen Mediothek der Kantonsschule auf. (Bild: Christa Kamm-Sager)

Fühlt sich wohl in Romanshorn: Aigyerim hält sich viel in der grossen Mediothek der Kantonsschule auf. (Bild: Christa Kamm-Sager)

Aigyerim ist auch schon auf einem Pferd durch die Steppe geritten und hat in einer Jurte geschlafen. Doch diese Klischees, die Schweizer allenfalls von der Mongolei kennen, bestimmten nicht ihren Alltag in der Provinz Bajan-Ölgii, im äussersten Westen ihrer Heimat. Dort lebte sie das Leben einer guten Schülerin in einer Kleinstadt, das Leben einer Tochter einer alleinerziehenden Mutter, die bei einem Versicherungsunternehmen das Geld für ihre Familie verdient. Und bis im letzten Sommer lebte sie das Leben einer Studentin in der Hauptstadt Ulan Bator. Dann änderte sich mit einem Schlag viel im Leben der damals 20jährigen Deutschstudentin.

«Eine grosse Chance»

«Ich konnte es fast nicht glauben, dass man mich ausgewählt hat für das Austauschjahr in der Schweiz», sagt Aigyerim Samigat bei einem Gespräch an ihrer neuen Schule in Romanshorn – und sie strahlt das erste Mal über das ganze Gesicht. «Ich bin so glücklich, dass ich hier ein Jahr leben kann, es ist eine grosse Chance für mich. Ich bin so dankbar dafür, wie viele Menschen mir behilflich sind hier.»

Etwas zurückhaltend wirkt sie zuerst, die kleingewachsene Mongolin mit ihren schmalen Augen. Aber nicht scheu. Da spricht eine junge Persönlichkeit, die sich in ihrem Leben schon oft durchkämpfen musste. Damals, als sie erst sechs Jahre alt war und ihr Vater ermordet wurde. Die Mutter war danach alleine mit drei Kindern. Gerechtigkeit hat die Familie nach diesem Verbrechen nie erfahren. Sie spricht nicht gerne darüber. Mehr sprudelt es in einem guten Deutsch aus ihr heraus, wenn man sie zu ihrem Leben hier in der Schweiz befragt.

Ohne Heimweh geht es nicht

«Alle haben mir gesagt, die Schweiz ist ein gutes Land», erzählt Aigyerim. «Und es ist auch wirklich so.» Nach einem halben Jahr hat sie schon einiges gesehen, war in Basel, im Tessin, auf dem Napf und dem Kronberg und sogar in Paris. «Es ist alles so schön, wenn ich durch die Strassen gehe. Sogar wenn es regnet, gefällt es mir.» Alles sei ordentlich, funktioniere gut. Der öffentliche Verkehr ist eine ganz neue Erfahrung für die junge Frau. «Ich möchte noch gerne nach Bern, nach Luzern und Genf und nochmals ins Tessin.» Diese Ausflüge unternimmt sie oft mit den acht anderen Studentinnen aus der Mongolei, die ebenfalls vom Austauschangebot des «Swiss Program for Language Instruction and Teacher Training» profitieren können und verschiedene Mittelschulen und pädagogische Hochschulen in der Region besuchen. «Wir treffen uns oft am Wochenende und können uns dann austauschen über alles, was wir hier erleben.»

Das tut Aigyerim gut, denn ganz ohne Heimweh geht es nicht. «In der Mongolei ist der Familienzusammenhalt sehr viel grösser, als ich es hier erlebe. Wir sind immer zusammen mit vielen Verwandten.» Hochzeitsfeste feiern jeweils gegen 400 Leute miteinander. Um das Heimweh etwas zu lindern und auf dem laufenden zu bleiben, skype sie jedes Wochenende mit ihrer Mutter.

40 Schüler im selben Zimmer

An der Schule sei sie sehr gut aufgenommen worden. «Alle sind sehr höflich und nett mit mir. Aber wirkliche Freundschaften knüpfen ist schwierig, das braucht viel Zeit.» Der Altersunterschied spielt da auch eine Rolle: An der Kanti ist sie in einer Klasse mit 17- und 18-Jährigen, Aigyerim feierte am 6. Februar den 21. Geburtstag. Sie liebt den Sport an der Schule, hält sich viel in der grossen Mediothek auf und staunt über das Fach Bildnerisches Gestalten. «Wir müssen überhaupt kein Material mitbringen, die Schule stellt alles zur Verfügung», sagt sie und kann es immer noch nicht fassen. In ihrer Heimat müsse man jedes Blatt selber mitbringen. «Die einen Familien können das bezahlen für ihre Kinder, einige aber auch nicht.» In der Primarschule hätten etwa 40 Kinder mit ihr zusammen das gleiche Schulzimmer geteilt.

Beim Essen in der Schweiz musste Aigyerim sich an die neuen Sitten gewöhnen. «Bei uns ist Essen eigentlich gleichgesetzt mit Fleisch.» Aber hier in der Schweiz habe es ja kaum Fleisch auf dem Teller, das sei schon etwas eigenartig.

Wie ein Schaf

Doch mittlerweile habe sie sich sogar an den grünen Salat gewöhnt. «Als ich das erste Mal Salat gegessen habe, fühlte ich mich wie ein Schaf, das Gras frisst», sagt sie und lacht. In der Mongolei sei mit Salat gekochtes Gemüse gemeint. Das einzige, woran sie sich nicht habe gewöhnen müssen, sei die Schokolade. «Die liebte ich von Anfang an.»

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