Die «Rebe», unterschätztes Kleinod

Wenn von der Weinfelder Gastronomie mit ihren auserlesenen Speisen die Rede ist, geht das Gasthaus zur Rebe an der Bachtobelstrasse leicht vergessen. Das hat die gepflegte Beiz nicht verdient. Seit bald 40 Jahren halten Käthi und Hansjörg Scherrer die Fahne hoch.

Esther Simon
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Sie wissen, was sie aneinander haben: Käthi und Hansjörg Scherrer in der guten Stube des Gasthauses zur Rebe an der Bachtobelstrasse in Weinfelden. (Bild: Reto Martin)

Sie wissen, was sie aneinander haben: Käthi und Hansjörg Scherrer in der guten Stube des Gasthauses zur Rebe an der Bachtobelstrasse in Weinfelden. (Bild: Reto Martin)

WEINFELDEN. Gewiss, das Gasthaus zur Rebe kann es rein äusserlich weder mit dem ehrwürdigen Bau des «Traubens» noch mit dem stolzen Riegelhaus des «Löwen» aufnehmen. Bei der Durchfahrt ins Dorf oder auf den Ottenberg kann man das langgezogene Haus, zumal in einer scharfen Kurve gelegen, leicht übersehen. Aber ein Blick ins Innere bestätigt, dass man seine Meinung nicht aufgrund von Äusserlichkeiten bilden sollte.

Was für eine schöne Thurgauer Stube! Die in die Wand eingelassene Uhr, der dunkle Kachelofen, den ein Weinfelder namens Thurnheer 1924 einbaute, die alte Registrierkasse – sie verleihen dem Raum einen behäbigen Charme. Käthi (77) und Hansjörg Scherrer (71) wirten seit bald 40 Jahren in der «Rebe». Das ist eine lange Zeit. «Wir sind mit unseren Gästen alt geworden», lächelt Käthi Scherrer. Vieles geht heute nicht mehr so flink wie in jungen Jahren. Auf einmal ist die Treppe ins Untergeschoss des hinter dem Haus liegenden Torkels unüberwindbar steil geworden.

Öffnungszeiten reduziert

Im Torkel haben Käthi und Hansjörg Scherrer jeweils an der Wega gewirtet. Das ist vorbei. Auch die legendären Metzgeten sind aus dem Programm gestrichen. Die Eheleute wirten heute «nur» noch im Gasthaus und in der Gartenwirtschaft, an insgesamt 50 Plätzen. Und sie haben die Öffnungszeiten reduziert. Die «Rebe» ist jetzt noch von Freitag bis und mit Montag geöffnet. Immerhin gehen im Service und in der Küche Aushilfen zur Hand.

Hoffen auf den Sohn Reto

Wenn es um das Bewirten der Gäste geht, dann ist den beiden aber nach wie vor nichts zu viel. Die Gäste kehren immer noch zahlreich ein, die Stammgäste, die Sonntagswanderer vom Schloss, Pilger auf dem Jakobsweg, Durchreisende und Einheimische. Beim Haus hat es viele Parkplätze. «Vereine kommen leider nicht mehr so viele», sagt Käthi Scherrer, «auch die Handwerker essen den Znüni nicht mehr hier.» Die grosse Speisekarte ist geprägt von währschafter Hausmannskost. Am Sonntag kommen Braten und Kartoffelstock auf den Tisch. Stolz serviert Hansjörg Scherrer dazu Weine aus seinem Weinfelder Eigenbau. Auch die beiden Doppelzimmer im Haus werden noch benutzt. Eine Prominententafel und Einträge im Gästebuch zeigen, wer schon in der «Rebe» genächtigt hat: Bundesrat Rudolf Friedrich, Monika Fasnacht, Kliby, vielleicht sogar mit seiner Caroline. Neben der Gaststube ist ein Raum für kleinere Gesellschaften. «Wir haben Taufessen von Leuten, die selbst einmal ihr Konfirmationsessen in der <Rebe> hatten», sagt Käthi Scherrer. Manchmal kommt Sohn Reto Scherrer mit den beiden Kindern zum Mittagessen. Käthi Scherrer hofft noch immer, dass der Radio- und Fernsehmann oder der ältere Sohn Urs einst die «Rebe» übernehmen. Immerhin hat auch Reto Scherrer das Wirtepatent schon seit 20 Jahren. Denn wie lange Käthi und Hansjörg Scherrer in der «Rebe» noch wirten, ist eine Frage der Gesundheit.

Bild: ESTHER SIMON

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