Die Realität ist oft zu düster

Adolf Jens Koemedas Novelle «Die Axt» spielt in seiner alten Heimat Prag. Ein Vater kämpft 1968 gegen die Trauer um seinen Sohn und gegen die Behörden. Der Wahlermatinger verarbeitet in seinen Werken oft wahre Geschichten.

Nicole D'orazio
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Adolf Jens Koemeda arbeitet seit einem Jahr an einem neuen Buch. Am liebsten in seinem Arbeitszimmer. (Bild: Donato Caspari)

Adolf Jens Koemeda arbeitet seit einem Jahr an einem neuen Buch. Am liebsten in seinem Arbeitszimmer. (Bild: Donato Caspari)

ERMATINGEN. Der Sohn kommt mehrere Tage nicht nach Hause. Die Eltern sind dementsprechend beunruhigt. Denn die Sowjets sind in Prag einmarschiert. Adolf Jens Koemedas neuestes Werk «Die Axt» spielt im Jahre 1968. Der Vater findet den Sohn schliesslich – in der Pathologie. Nach der grossen Trauer beginnt für ihn ein neuer Kampf: Nicht mit den Russen, sondern mit den kommunistischen Behörden in der damaligen Tschechoslowakei. «Die Novelle basiert auf einer wahren Geschichte», sagt der Autor. «Erzählt haben sie mir zwei Bekannte. Ich war erschüttert.» Mit diesen sei er nach Tschechien zur Recherche gefahren und habe Gespräche mit ehemaligen Studienkollegen des umgekommenen jungen Mannes geführt. Die meisten Passagen gestaltete Koemeda allerdings mit dichterischer Freiheit. «Oft ist die Realität zu düster.»

Medizinstudent und Sportler

Seit 30 Jahren lebt Adolf Jens Koemeda in Ermatingen und Zürich. In die Schweiz ist er 1966 als politischer Flüchtling gekommen, konnte kaum Deutsch. Er arbeitete zuerst in Ilanz und in Basel, ehe er an den Untersee kam. Geboren und aufgewachsen ist er in Prag. Er hat Medizin studiert und war auch sportlich erfolgreich. «Zwei Jahre lang habe ich dem Junioren-Nationalkader der Diskuswerfer angehört», erzählt der Autor. «Doch für den Spitzensport reichte die Zeit neben dem Studium nicht.» Als Student spielte er dann vor allem Tennis und Eishockey. Heute noch ist Sport für ihn wichtig. «Ich halte mich täglich mit Diskuswerfen und Kugelstossen fit.»

Die Freude an der Literatur entdeckte Koemeda früh. Während des Studiums arbeitete er für die Studentenzeitung und schrieb Kurzgeschichten und Novellen. Er studierte Medizin, um Psychiater zu werden. «Das war eine Möglichkeit, zu vielen Lebensgeschichten zu kommen.» Er praktiziert noch heute, hat aber nur noch sporadisch Patienten. Nach Ermatingen kam Koemeda, weil er und seine Frau Margit, die er an einer Tagung kennengelernt hatte, ein historisches Haus suchten. «Wir wollten ein Zentrum für Psychotherapien eröffnen und hielten Ausschau nach einem Haus mit hohen und vielen Räumen.» Mit der Villa Breitenstein wurden sie fündig. Liebevoll und in viel Eigenleistung haben sie sie renoviert.

Lesungen in der Villa

20 Jahre lang hat das Paar Tagungen bei sich abgehalten. Gleichzeitig widmete er sich auch dem Schreiben, sie praktiziert vor allem in Kreuzlingen und Zürich. «Wir organisieren aber regelmässig Lesungen bei uns und haben auch die Literaturtage am Untersee ins Leben gerufen,» sagt Koemeda. Seit einem Jahr arbeitet er an seinem neusten Werk. «Diesmal ist es ein Roman. An so einer Geschichte bin ich gut zwei Jahre dran», erzählt er. Wieder handelt es von seiner alten Heimat und einem Konflikt. «Es geht um eine junge Frau sudetendeutscher Abstammung, einer Tochter von Vertriebenen, und ihren tschechischen Freund. Zwei Schicksale prallen aufeinander.» Die deutsche Minderheitsbevölkerung in den böhmischen Ländern, die heute in der Tschechischen Republik liegen, werden Sudetendeutsche genannt. Es handle sich teilweise um eine reale Geschichte, die er vor Ort recherchiert habe, beschreibt der Autor.

Geschichte wieder aktuell

Koemeda freut sich, dass «Die Axt» gut ankommt. Letzte Woche hat er die Novelle in der Büecherbrugg in Kreuzlingen vorgestellt. Über 70 Personen sind gekommen, viel mehr als die Veranstalter gerechnet haben. «Die Geschichte ist leider wieder aktuell. Sie wiederholt sich. Zwar nicht in Prag, sondern in der Ukraine und auch mit den russischen Angriffen in Syrien.»