Die Oper als Lebenselixier

BISCHOFSZELL. Silvia Kocherhans singt seit 30 Jahren im Opernchor des Theaters St.Gallen. Das Engagement der 55jährigen Bischofszellerin geht weit über das hinaus, was man gemeinhin als Hobby bezeichnet. Es ist eine Leidenschaft.

Georg Stelzner
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Silvia Kocherhans steht zu Hause ein separater Raum zur Verfügung, in dem sie üben kann. (Bild: Georg Stelzner)

Silvia Kocherhans steht zu Hause ein separater Raum zur Verfügung, in dem sie üben kann. (Bild: Georg Stelzner)

Hört Silvia Kocherhans Tschaikowskys «Schwanensee», wird sie unweigerlich an ihre Jugendzeit erinnert. «Damit wurden wir sonntags in der Wiler Mädchensekundarschule St. Katharina geweckt», erinnert sich die Sängerin. Die Zeit im Internat sei hart gewesen, denn das Elternhaus in Bischofszell habe sie nur jedes dritte Wochenende gesehen und dementsprechend gross sei das Heimweh gewesen. Dennoch möchte Silvia Kocherhans die Schulzeit in der Äbtestadt nicht missen. «Dort lernte ich die klassische Musik kennen und lieben und dort wurde auch mein Talent entdeckt.

» Sie habe in der Messe jeweils vorsingen dürfen, und in den jährlichen Aufführungen der Schule sei der Solopart mit ihr besetzt worden.

Aufnahmeprüfung gemacht

«Mir wurde geraten, Sängerin zu werden, doch meine Eltern hielten das für keine gute Idee», erzählt Silvia Kocherhans, die den Beruf der Gärtnerin erlernte, zu dieser Zeit der Faszination des Gesangs aber längst erlegen war.

So war es nicht weiter verwunderlich, dass die junge Frau einer Ausschreibung des damaligen Stadttheaters St. Gallen nicht widerstehen konnte. Sie meldete sich zur Aufnahmeprüfung an und bestand diese. Seit 1980 gehört Silvia Kocherhans nun dem Opernchor des St. Galler Hauses an. Laut eigener Schätzung hat sie in diesen 30 Jahren an 55 bis 60 Produktionen mitgewirkt, meist als Sopranistin. An einen Wechsel dachte die Bischofszellerin nie. Auch deshalb, «weil es einen Opernchor mit Laien anderswo nicht gibt».

Immer mit Freude dabei

Der Klang eines Chors verzaubert Silvia Kocherhans auch nach vielen Jahren noch. Und in einem Chor selber zu singen, bedeutet für sie ein Gemeinschaftserlebnis, das sie jedes Mal von neuem berührt. «Wenn ich mich ins Theater begeben kann, ist die Welt für mich in Ordnung.» Dazu zwingen habe sie sich noch nie müssen, versichert sie. Am meisten Freude bereitet habe ihr die Aufführung von «Doña Francisquita», einer Zarzuela von Amadeo Vives, im Jahr 2006.

«Da konnte ich von meinen Spanischkenntnissen profitieren und schöne Kleider tragen», sagt Silvia Kocherhans, die auf den grossen Bühnen der Welt vor allem einen gerne hört und sieht. «Placido Domingo, weil ich finde, dass er es wie kein anderer versteht, sich mit Leib und Seele einer Rolle zu verschreiben.»

Vorliebe für italienische Opern

Was die Musik als solche anbelangt, schlägt das Herz von Silvia Kocherhans für italienische Opern. «Mich begeistert die Harmonie und Leichtigkeit dieser Werke», begründet sie ihre Vorliebe.

Besonders gut gefalle ihr Giuseppe Verdis «La Traviata».

Die generelle Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte hat Silvia Kocherhans mit gemischten Gefühlen verfolgt. Sie bevorzugt eher konventionelle Aufführungen und bekundet deshalb Mühe mit modernen, allzu abstrakten Inszenierungen. Ihr sei allerdings bewusst, dass auch die Oper mit der Zeit gehen müsse.

Nächste Premiere im Oktober

Mit der Situation am Theater St. Gallen ist Silvia Kocherhans zufrieden. Der neue Intendant sorge für frischen Wind, freut sich die Sängerin. «Es ist gut, wenn es Abwechslung gibt und dem Publikum nicht immer das gleiche Repertoire geboten wird.» Derzeit wird vom Opernchor «La Sonnambula» einstudiert, ein Werk des Italieners Vincenzo Bellini, das 1831 in Mailand uraufgeführt wurde. «Eine Riesenpartitur», sagt die Sängerin, einen Stossseufzer nur mit Mühe unterdrückend.

«Ich hatte noch nie so viel auswendig zu lernen wie jetzt.» Die Premiere ist für 23. Oktober vorgesehen, was bedeutet, dass eine anstrengende Zeit bevorsteht, wird in den letzten zwei Wochen doch sogar täglich geprobt.

Unterstützung durch Familie

Silvia Kocherhans weiss, dass es kaum möglich gewesen wäre, diesen Weg ohne das Verständnis ihres Mannes zu beschreiten. «Er musste auf vieles verzichten und oft auf unsere beiden Töchter aufpassen, wenn ich in St.

Gallen war.» Selbst bei der Ferienplanung sei auf sie Rücksicht genommen worden. Niemand in der Familie habe aber jemals versucht, ihr den Opernchor auszureden.

«Natürlich denke ich manchmal, dass es schön gewesen wäre, als Solistin Karriere zu machen, doch eigentlich bin ich zufrieden mit dem, was ich erreicht habe.» Sie geniesse es, auf der Bühne zu stehen, oft in schmucken Kleidern und mit schöner Frisur, und zum Gelingen einer Aufführung einen wesentlichen Beitrag zu leisten.

Dass sie als Chormitglied dabei nicht so im Rampenlicht steht wie die Solisten, grämt Silvia Kocherhans nicht, wenngleich sie augenzwinkernd meint: «Im nächsten Leben werde ich mir die Chance nicht mehr entgehen lassen.»