«Die Menschen werden mir fehlen»

ROMANSHORN. Ende Monat geht Benny Studer nach fast 30 Jahren als Sekretär der Sekundarschulgemeinde Romanshorn-Salmsach in Pension. Für ihn ist es die Vertreibung aus dem Paradies. Doch immer nur schön war es auch nicht.

Markus Schoch
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Benny Studer wird künftig vermehrt im Garten arbeiten, wo es immer etwas zu tun gibt. Im Moment ist er daran, ein Gartenhäuschen zu bauen. (Bild: Reto Martin)

Benny Studer wird künftig vermehrt im Garten arbeiten, wo es immer etwas zu tun gibt. Im Moment ist er daran, ein Gartenhäuschen zu bauen. (Bild: Reto Martin)

Herr Studer, der 30. Oktober sei für Sie der «last day in paradise», schreiben Sie in Ihrem Abschiedsbrief an Freunde und Bekannte. Übertreiben Sie nicht ein bisschen?

Benny Studer: Nein, und es ist deshalb nicht übertrieben, weil ich immer gerne zur Arbeit ging. In den bald 30 Jahren als Schulsekretär gab es nicht viele Tage, an denen ich mir wünschte, nicht ins Büro zu müssen.

Sie freuen sich gar nicht auf die neuen Freiheiten, die sich Ihnen im Ruhestand eröffnen?

Studer: Doch, sicher. Mit meiner Frau zu reisen, mit den Enkeln etwas zu unternehmen, eine Tour mit dem Töff zu machen, mich aufs Bike zu schwingen und im Garten zu arbeiten und noch vieles andere mehr – das sind schöne Aussichten.

Was wird Ihnen am meisten fehlen?

Studer: Die Menschen! Sie sind für mich etwas Zentrales. Zum einen sind es natürlich die Schülerinnen und Schüler sowie die Lehrpersonen und Mitarbeitenden unserer Sek. Zum anderen habe ich aber auch einen sehr guten Draht zu externen Personen, zum Beispiel in der Stadtverwaltung, anderen Schulen oder im Amt für Volksschule.

Immer nur schön wie im Paradies war es allerdings auch nicht. Vor einem Jahr gab es öffentliche Kritik an Ihrer Arbeit von Primarschulpräsident Hanspeter Heeb: Es gebe Probleme in der Dienstleistungsqualität, sagte er. Der Vorwurf hat Sie schwer getroffen.

Studer: Ja – das ist so. Das war auch der Grund, warum ich auf Distanz zu ihm ging und er mich seither nicht mehr mit Du ansprechen darf. Und daran wird sich nichts mehr ändern. Es war ein Stich mitten in mein Herz, das für die Schule schlägt. Ich verstehe die Kritik nicht.

Es war ein Einzelfall?

Studer: Offensichtlich ja. In der Folge gab es jedoch viele positive Reaktionen, sogar auf der Strasse. Dies freute mich und stärkte mir den Rücken.

Sie waren fast 30 Jahre Schulsekretär. Was waren die grössten Herausforderungen?

Studer: Eine der grössten für mich war sicher der Start am 1. Januar 1986. Ich bekam keine Einführung ins Amt und hatte in der Schule auch kein Büro. Ich begann bei mir zu Hause mit einem kleinen Kopierer und einer Schreibmaschine. Einen Computer mit den ersten Programmen für die Finanz- und Lohnbuchhaltung gab es erst 1987. Ich stand am Anfang ziemlich alleine da und musste heftig rudern, um diesen hohen Anforderungen gerecht zu werden. Die kleinen und grösseren Erfolge im Alltag gaben mir aber Mut. Sie sind für mich bis heute Motivation, Neues anzupacken, und sie lassen mich jeweils alle Mühen vergessen.

Und nach dem harzigen Start lief alles wie von alleine?

Studer: Nicht nur. Der Umgang mit dem Computer, der Wechsel auf ein neues Rechnungsmodell oder die diversen Planungen wie beispielsweise für ein Oberstufenzentrum liessen meine Nächte kurz werden. Überhaupt: Es gab ständig Veränderungen, und die Arbeitslast wuchs. Alleine hätte ich mit meinem Pensum von 50 Prozent diese vielfältigen Herausforderungen kaum mehr geschafft. Später wurde mein Pensum dann auf 66 Prozent aufgestockt. Im Jahr 2001 bekam ich mit Agnes Nater eine kompetente Mitarbeiterin, welche sich in den letzten Jahren hauptsächlich um die Löhne und die Buchhaltung kümmerte. Eine Zäsur war auch die Einführung der geleiteten Schule. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich Ansprechperson fürs Personal und für die Schüler. Die gesamte Verwaltung ist strukturierter geworden.

Haben Sie so nicht den Kontakt zu den Lehrern und Schülern verloren, der Ihnen so wichtig war?

Studer: Um diesen Kontakt nicht zu verlieren, war ich jede Woche einmal während der Pause in den Lehrerzimmern Reckholdern und Weitenzelg zu Besuch. Diese Kontakte wurden geschätzt und boten sich für unkomplizierte, bilaterale Problemlösungen an. Zu den Schülerinnen und Schülern habe ich, seit der Einführung der Schulleitung, nicht mehr so intensiv Kontakt. Alle wissen aber: Wenn beispielsweise ein Unfall passiert oder jemandem schlecht wird – Benny fährt die Betroffenen nach Hause oder zum Arzt.

Sie vergleichen Ihre Tätigkeit mit einem Enduro-Raid. Am Ziel seien alle Mühen vergessen, und ein unbeschreibliches Glücksgefühl mache sich breit. War es wirklich so spannend?

Studer: Natürlich war nicht jeder Tag hoch spannend, aber in Erinnerung bleiben mir viele Episoden. Oft stellen sich unerwartete Herausforderungen, die einen spontanen Einsatz, Ausdauer und manchmal Mut erfordern, einen eigenen, unkonventionellen Weg zu suchen, wie bei einer Fahrt mit dem Motorrad durch unbekanntes Terrain. In gewisser Hinsicht ähnlich war es vor über 20 Jahren bei den Diskussionen um den Bau eines Oberstufenzentrums bei der Weitenzelg-Schulanlage. Ich hatte mich bis dahin noch nicht gross mit Baufragen beschäftigt und war nun plötzlich stark gefordert. Ich fragte mich, wie soll ich das schaffen? Wir hatten enorm viele Sitzungen, was für mich entsprechend viele Protokolle zu schreiben gab.

Was Sie nicht gerne machen?

Studer: Doch, ich habe in all den Jahren Zehntausende Seiten Protokoll geschrieben, und zwar gerne. Ich pflege allerdings einen erzählerischen Stil, was von den meisten geschätzt wird. Ein erstes Kompliment dafür bekam ich von Fred Sallenbach, einstiger Redaktor bei der «Schweizerischen Bodensee-Zeitung», mit dem ich seinerzeit als 25-Jähriger in der evangelischen Kirchenvorsteherschaft sass – und eben auch Protokolle schrieb.

Der Vergleich mit dem Enduro-Raid kommt nicht von ungefähr. Sie haben nebenbei immer auch als Auto- und Motorradfahrlehrer gearbeitet. Die Lehre machten Sie als Betriebsdisponent bei den SBB. Wie kommt man von der Bahn zur Strasse und zur Schule?

Studer: Es war in meinem Leben immer ein bisschen so, dass ich Sachen anpackte, vor denen ich Respekt hatte, so auch bei der Berufswahl. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Beim Zuckerrübenverlad im Herbst beobachtete ich jeweils mit Hochachtung, wie der Stationsvorstand Weichen umlegte, Signale auf Fahrt stellte und Züge abfertigte. Ich traute mir damals eine solche Verantwortung nicht zu. Und was machte der Studer dann: Er geht zur Bahn.

Und wechselt dann hinters Steuerrad. Wieso?

Studer: Mein Cousin war Fahrlehrer in Embrach. Er fand, dass dies eine Tätigkeit für mich wäre. Ausgerechnet! Ich bin auf dem Land im Unterthurgau aufgewachsen. Wenn ich mit dem Auto nach Winterthur fahren musste, schwitzte ich Blut. Trotzdem bin ich dem Rat meines Cousins gefolgt. Diesen Entscheid habe ich nie bereut. Auch als ich das Inserat für die Stelle als Schulsekretär sah, fragte ich mich, ob ich diesen Anforderungen gerecht werden kann. Was mich aber nicht davon abhielt, eine Bewerbung zu schreiben.

Sie waren dann lange gleichzeitig Fahrlehrer und Schulsekretär. Viele Berührungspunkte zwischen den beiden Berufen gibt es nicht.

Studer: Es gibt sie durchaus. Was ich im Lehrerzimmer im Bereich Pädagogik hörte, war mir als Fahrlehrer im Umgang mit meinen Kunden hilfreich. Umgekehrt hat die Schule von mir als Selbständigerwerbender profitiert, wenn ich meine Erfahrung als Unternehmer einbringen konnte.

Zeitlich haben Sie alles gut unter einen Hut gebracht?

Studer: Ich habe viel und lange gearbeitet, eine Sechstagewoche war normal. Ich stehe immer noch jeden Tag um halb sechs Uhr auf.

Auch künftig werden Sie nicht auf der faulen Haut liegen. Sie könnten sich nicht einfach «aufs Altersbänklein setzen», schreiben Sie in Ihrem Abschiedsbrief. Geben Sie weiter Fahrstunden?

Studer: Ja, denn das mache ich nach wie vor gerne.