«Die Krise hinterlässt Spuren»

Die griechische Insel Korfu ist die zweite Heimat von Barbara Kern. Die Kreuzlinger Stadträtin berichtet, wie sie derzeit den Alltag in Griechenland erlebt. Sie stellt fest, dass die Bevölkerung verarmt, Familienbetriebe schliessen müssen.

Inge Staub
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Barbara Kern vor ihrem Haus auf Korfu. (Bild: pd)

Barbara Kern vor ihrem Haus auf Korfu. (Bild: pd)

Frau Kern, Sie verbringen Ihre Ferien auf Korfu. Weshalb fiel Ihre Wahl auf diese griechische Insel?

Barbara Kern: Meine ehemaligen griechischen Hausabwarte haben regelmässig in Südkorfu Ferien gemacht. Durch ihre Beschreibungen über die Ursprünglichkeit dieser Insel bin ich erstmals vor 26 Jahren nach Südkorfu gereist. Dieser nicht so touristische Teil der Insel ist heute meine zweite Heimat.

Wie erleben Sie im Moment den Alltag auf Korfu?

Kern: Die Krise hinterlässt merklich Spuren. Vor allem in bezug auf die Infrastruktur. Die Busse fahren mit beschränktem Fahrplan, die Müllabfuhr funktioniert nur noch rudimentär. Von der Gesundheitsversorgung möchte ich gar nicht sprechen. 70 Prozent der griechischen Bevölkerung sind medizinisch unter- oder gar nicht versorgt.

Gibt es genügend Lebensmittel?

Kern: Die tägliche Versorgung mit Lebensmitteln war aufgrund der geschlossenen Banken ein Problem, weil auch fahrende Händler nicht mehr als 50 Euro pro Tag abheben konnten. Somit kamen die Lebensmittel eben nur spärlich in die Supermärkte und das Benzin zu den Tankstellen. Kein Betrieb kann mit 50 Euro pro Tag wirtschaftlich arbeiten. Dennoch kann man nicht von Unterversorgung sprechen. Die Supermärkte sind gut gefüllt.

Wie fühlen sich die Griechen, die Sie kennen?

Kern: Sie fühlen sich gedemütigt durch undifferenzierte Aussagen in den Medien, die auch mich ärgern. Vielfach wird gesagt, die Griechen seien faul und sollen endlich ihre Aufgaben machen.

Weshalb ärgert Sie das?

Kern: Die griechische Bevölkerung hat ihre Aufgaben längst gemacht. Ein Sparpaket nach dem andern hat bei der Mehrheit der griechischen Bevölkerung zur sichtbaren Verelendung geführt. Diese ist auf den Inseln weniger sichtbar. Aber in Athen ist diese Verarmung selbst für den unbedarftesten Touristen erkennbar.

Korfu lebt vom Tourismus. Wie

nachhaltig ist diese Branche?

Kern: Der Tourismus ist für die Griechen nachhaltig, solange sie ihre eigenen Pensionen und Tavernen betreiben können. Leider hat hier der All-inclusive-Tourismus sehr viel zerstört. Die seit Jahren dauernde Krise hat die Lage noch verschärft. Die freie griechische Gastwirtschaft kam dadurch immer mehr unter Druck. Viele dieser Familienbetriebe mussten schliessen. Das Geld bleibt bei den grossen Tourismusanbietern.

Experten sagen, Griechenland

müsste mehr Einnahmen

generieren. Was denken Sie, ist

dies unter diesen Umständen

überhaupt möglich?

Kern: Wie soll ein Land mehr Einnahmen generieren, wenn gleichzeitig die Wirtschaft abgewürgt wird, die Saläre und Renten um bis zu 40 Prozent gekürzt werden? Würde man versuchen, Renten- und Lohnkürzungen in einem solchen Ausmass in der Schweiz umzusetzen, ein Generalstreik wäre garantiert.

Was lief schief?

Kern: Anstelle der Rettung der Banken durch die Troika hätte dieses Geld zur Ankurbelung der Wirtschaft und der Schaffung von Arbeitsplätzen eingesetzt werden müssen. Die Sparprogramme haben Griechenland in jeglicher Hinsicht den Boden unter den Füssen weggezogen.

Was denken Sie über die jüngsten Ereignisse?

Kern: Erstmals stand der EU mit Alexis Tsipras ein Regierungspräsident gegenüber, der klar und deutlich betonte, dass Griechenland so nicht weitermachen kann. Das Ergebnis kennen wir. Die kapitalistische Marktwirtschaft hat gesiegt. Und wenn diese nicht bald durch eine sozialere und menschlichere Wirtschaftspolitik ersetzt wird, sind soziale Unruhen innerhalb von Europa vorprogrammiert. Die Schweiz wäre davon nicht ausgeschlossen.

«Chaotentruppe», «Mistkerle» –

der Ton europäischer Politiker

hat sich gegenüber der griechi-

schen Regierung verschärft.

Kern: Es ist völlig inakzeptabel, wie die EU mit einer demokratisch gewählten Regierung umspringt und diese als Chaoten bezeichnet. Das erste Mal nach 30 Jahren ist in Griechenland eine Regierung an der Macht, welche nicht aus dem oligarchischen, politischen und korruptem System stammt. Von Anfang an waren der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble und andere negativ gegenüber dieser Regierung eingestellt.

Was halten Sie von Alexis Tsipras? Kern: Er ist kein Radikaler. Er vertritt eine soziale und gerechte Politik, die leider den sozialdemokratischen Parteien in der EU abhanden gekommen ist.

Wie stark stehen die Menschen

auf Korfu hinter der Regierung?

Kern: Über 71 Prozent der korfiotischen Bevölkerung hat Nein gesagt zum Referendum. Das sagt eigentlich alles. Ich finde, die Regierung unter Alexis Tsipras sollte an der Macht bleiben. Welche andere politische Lösung gäbe es denn sonst? Sollen wieder die alten oligarchischen Parteien regieren, welche das Land durch Unfähigkeit und Korruption dahin gebracht haben, wo es heute steht?

Die Insel Korfu hat ihre Ursprünglichkeit teilweise bewahrt. (Bild: fotolia)

Die Insel Korfu hat ihre Ursprünglichkeit teilweise bewahrt. (Bild: fotolia)