Die Familie Spiegel – Schicksale an der Grenze

KREUZLINGEN. Die Maturaarbeit hat ihre Sicht auf die Welt verändert. Julia Tamara Greco ist 20 Jahre alt. Die quirlige junge Frau besucht das SBW Euregio Gymnasium in Romanshorn.

Urs Brüschweiler
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Auf der Gedenkstätte zur Erinnerung an die im Dritten Reich ermordeten Juden in der Konstanzer Altstadt ist der Name Spiegel eingraviert. Der Obelisk steht in der Nähe der 1938 zerstörten Synagoge und trägt die Inschrift: «Am 22. Oktober 1940 wurden 108 jüdische Einwohner von Konstanz nach Frankreich in das Internierungslager Gurs deportiert. Von dort wurden diejenigen, die noch am Leben waren, ab August 1942 in die Konzentrationslager Auschwitz und Sobibor abtransportiert und ermordet.» (Bild: Donato Caspari)

Auf der Gedenkstätte zur Erinnerung an die im Dritten Reich ermordeten Juden in der Konstanzer Altstadt ist der Name Spiegel eingraviert. Der Obelisk steht in der Nähe der 1938 zerstörten Synagoge und trägt die Inschrift: «Am 22. Oktober 1940 wurden 108 jüdische Einwohner von Konstanz nach Frankreich in das Internierungslager Gurs deportiert. Von dort wurden diejenigen, die noch am Leben waren, ab August 1942 in die Konzentrationslager Auschwitz und Sobibor abtransportiert und ermordet.» (Bild: Donato Caspari)

KREUZLINGEN. Die Maturaarbeit hat ihre Sicht auf die Welt verändert. Julia Tamara Greco ist 20 Jahre alt. Die quirlige junge Frau besucht das SBW Euregio Gymnasium in Romanshorn. In ihrer Abschlussarbeit widmete sie sich den Wurzeln ihrer Familie mütterlicherseits, und förderte einen ergreifenden Vergleich zweier menschlicher Schicksale zu Tage, die vor und während des Zweiten Weltkrieges unterschiedliche Bahnen nahmen. An der Landesgrenze zwischen Kreuzlingen und Konstanz entschieden sich diese Lebenswege, am Berührungspunkt von Nazi-Deutschland mit der Schweiz.

Berichte von Zeitzeugen

Julia Tamara Greco ist ein Spross der Spiegels, einer Familie jüdischer Abstammung, deren Stammbaum über viele Generationen verbürgt ist. Ihr Grossvater ist Frank Albert Spiegel. Der 87-Jährige ist Ehrenpräsident des gleichnamigen Handelsunternehmens an der Nationalstrasse in Kreuzlingen. Mit seinen persönlichen Erinnerungen, Aufzeichnungen und Korrespondenzen unterstützte er seine Enkelin bei der Aufarbeitung eines Teils ihrer Familiengeschichte. Weitere Informationen erhielt Julia Greco aus dem Buch «Geschichte der Juden von Konstanz» von Erich Bloch, der selber Zeitzeuge war und die Spiegels kannte. Geholfen hat ihr auch Hans-Hermann Seiffert von der Initiative «Stolpersteine für Konstanz – Gegen Vergessen und Intoleranz». Er erforscht die Schicksale jüdischer Familien in der Region. «Auswirkungen der nationalsozialistischen Judenverfolgung auf die jüdische Familie Spiegel» lautet der Titel der Maturaarbeit. Note 5 erhielt Julia Greco dafür. Doch mehr als die Bewertung bewegte die junge Frau, was sie im Laufe der Recherchen über die Lebensgeschichten ihrer Ahnen erfuhr.

Es gibt Spuren in Konstanz

«Bevor ich das Thema auswählte, war mir das Ganze nicht geheuer», erzählt Julia Greco. Auch wenn sie ahnte, dass es Deportationen und Vergasungen gab, Genaues über die Ereignisse, welche sich 50 bis 60 Jahre vor ihrer Geburt zutrugen, war ihr nicht bekannt. «Wenn ich früher mit meiner Mutter in Konstanz war, hat sie beim Obelisken an der Sigismundstrasse jeweils innegehalten. Sie legte ihre Hand auf die eingravierten Namen. Ich hatte gemerkt, das hat auch etwas mit mir zu tun», erzählt sie. Auch vier sogenannte Stolpersteine an der Bahnhofstrasse 12, dem letzten Wohnsitz Leopold Spiegels und seiner Familie, der Leopold-Spiegel-Weg und die Bezeichnung der Spiegelhalle am Hafen, wo heute das Theater Konstanz spielt, sind Spuren, die von ihren Ahnen zeugen.

«Will ich das wirklich machen?», fragte sich Julia Greco, bevor sie sich für dieses schwierige Thema entschied. Sie entschied sich dann letztlich doch dazu, einen Teil ihrer Herkunft als Schulprojekt zu erforschen. «Während der Arbeit hatte ich auch Krisen zu überstehen», sagt sie.

Eine emotionale Aufgabe

Es ist eine emotionale Erfahrung für die junge Frau. «Aus meiner Arbeit wurde meine Geschichte.» Und es seien auch Tränen geflossen, als sie über den Dokumenten sass, gesteht sie ein. Auch wenn sie die Menschen nicht gekannt habe, fühlte sie doch eine Verbundenheit mit ihnen. «Wie kann es nur so viel Ungerechtigkeit geben? Schilder mit der Aufschrift <Juden sind hier nicht erwünscht> sind für mich nicht vorstellbar gewesen.» Julia Greco hat nun einen anderen Blick auf die Welt. «Ich bin 1995 geboren und mit Demokratie und Gerechtigkeit aufgewachsen. Doch Leid gibt es auch heute noch genug.»

Den Namen Spiegel tragen

In Julia Greco keimte im Laufe der Arbeit der Wunsch, selber den Namen Spiegel zu tragen. Nicht aus religiösen Gründen. Die junge Frau ist Christin. Und auch früher hatte der Glauben in der Familie nie einen besonders hohen Stellenwert besessen. Die Idee den Namen Spiegel anzunehmen, erwuchs angesichts ihres Respekts und Stolzes ihren Ahnen gegenüber. Doch im Schweizer Recht sind keine Doppelnamen mehr möglich, weshalb das nicht geht.

Vorsicht mit der Deutung

Grossvater Frank Albert Spiegel ist stolz auf seine Enkelin. «Es hat mich gefreut, dass sie das Thema aufgreift. Die Jugendlichen interessieren sich sonst nicht so sehr für die älteren Generationen.» Er versucht Julias Einordnungen allerdings ein wenig zu relativieren. «Man muss vorsichtig sein, sich als Opfer zu bezeichnen. In unserem Familienzweig hat es keine Ermordungen gegeben. Doch auch unsere Leben haben sich sehr stark verändert wegen der Nazis.»

Am letzten Wohnsitz von Leopold Spiegel und seiner Familie an der Bahnhofstrasse 12 in Konstanz wurden am 22. Mai 2009 als Mahnmale gegen das Vergessen vier «Stolpersteine» verlegt. (Bild: «Initiative Stolpersteine für Konstanz &ndash; Gegen Vergessen und Intoleranz»)

Am letzten Wohnsitz von Leopold Spiegel und seiner Familie an der Bahnhofstrasse 12 in Konstanz wurden am 22. Mai 2009 als Mahnmale gegen das Vergessen vier «Stolpersteine» verlegt. (Bild: «Initiative Stolpersteine für Konstanz – Gegen Vergessen und Intoleranz»)

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