Die Blasmusik erzählt alle Geschichten des Lebens

Blaskapellensonntag in Egnach

Daniela Huber
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Vom Morgen bis zum Abend nur Blasmusik. Ein Trompeter der Blaskapelle Zimmerberg. (Bild: Reto Martin)

Vom Morgen bis zum Abend nur Blasmusik. Ein Trompeter der Blaskapelle Zimmerberg. (Bild: Reto Martin)

Daniela Huber

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Der Himmel ist strahlend blau, die Luft glasklar und die Sonne scheint so hell, dass man fast einen Augenblick lang die Augen schliessen möchte. In den Vorgärten in Egnach spriesst schon das erste junge Gras, noch ganz kurz und hellgrün. «S Thurgau isch aber scho schöö, gell. We’s Wättr schö isch», sagt eine Frauenstimme und lehnt sich auf der Festbank etwas näher zum Ohr der Nachbarin. Zum Glück gibt es eine riesige Fensterfront im Saal, wo die Sonne hereinscheinen kann und man sogar ein Zipfel des Bodensees erblickt, am Oberthurgauer Blaskapellensonntag. «Joh, natürli isch schöö», sagt die Nachbarin und schaut unbeirrt zur Tribüne. Es ist zwei Uhr Nachmittags, und die Blaskapelle Zimmerberg spielt gerade eine Polka. Leere Flaschen und Gläser mit fettigen Fingerabdrücken stehen auf den Tischen, und das Publikum drängt zum Kuchentisch. Ein paar Krücken liegen unter dem Tisch. Das Serviceteam spaziert geschäftig zwischen den Tischen herum und versorgt die Zuhörer mit Suurem Moscht und Schützengarten Lagerbier. Sie tragen alle grüne T-Shirts, vom gleichen Ton wie das junge Gras in den Vorgärten.

Blasmusikkonzerte nach Napoleons Siegen

Die Geschichte der Blasmusik ist ja eigentlich schon ganz alt. Aus vorchristlichen Zeiten stammen die Blasinstrumente, und zu Konzerten eingesetzt wurden sie zum ersten Mal zu Zeiten Napoleons, als er seine Siege feierte, die für die andere Seite natürlich Niederlagen darstellten. Und genau so hört es sich an. Man ist sich bei dieser Musik nie so ganz sicher, ob sie weint oder lacht, ob sie dramatische Untermalung oder fröhliches Festgejubel ist. Mal wird es still, dann wieder laut. Jetzt ist Kuchenzeit. Grosszügig werden riesige Stücke von den weichen Torten abgeschnitten, und man sieht sofort: Das sind Grosis Backkünste, hier wurde nichts aus einer Verpackung genommen, bevor der Puderzucker darauf kam. Grosis und Grosspapis hat es viele. Das junge Gemüse ist nicht da, man weiss nicht genau, wo es ist, aber möglicherweise an der Fasnacht in Amriswil. Doch die ältere und sichtbar gelassenere Generation gibt kaum ein weniger buntes Volk ab. Da gibt es Retropullis, Leopardenmuster, Hosenträger, Punkte, Streifen, Glanz, Gold und natürlich auch ein wenig Gloria. Am Fenster tanzt ein Paar in gleichfarbigen Pullovern. Sie schauen verträumt aneinander vorbei in die helle Frühlingswelt und setzen ihre Füsse mit schlafwandlerischer Sicherheit an exakt die richtige Stelle. Man klatscht begeistert. Und auch zufrieden. Die Kapelle hat schliesslich gut gespielt. Das Paar setzt sich zufrieden nebeneinander an den Tisch. Sie haben schliesslich schön getanzt. Die Blaskapelle Zimmerberg spielt noch eine Polka. Dreizehn Männer, die mit konzentrierter Sicherheit in ihre Blasinstrumente blasen. Einer runzelt die Stirn, der andere die Augenbrauen. Selbst wenn einer auf seinen Einsatz wartet, wiegt sich der Körper im Takt und die Zunge wischt schnell über die Lippen, um sich wieder auf das kalte Mundstück vorzubereiten. Hinter ihnen hängt ein riesiges Plakat mit dem Bodensee im Sommer auf der Tribüne. Butterblumen und Apfelbäume blühen und der Himmel ist nur ein kleines bisschen heller als heute. Die Augen des Publikums schwanken manchmal ein wenig hin und her, vom Glas zum Kuchen, zum Frühlingsfenster und zum Sommerbild. Aber still ist es nie, denn das bunte Volk hat sich viel zu erzählen. «I kenn eine, de isch uf Japan gange», sagt eine Männerstimme. Ein anderer erzählt, wie er damals in der Oberstufe den gleichen Satz auf Französisch hundertmal hätte schreiben sollen. Aber er habe sich geweigert. So ein Schwachsinn aber auch. Hundertmal der gleiche Satz.

Eine junge zierliche Dirigentin

Die Blaskapelle Zimmerberg spielt bald ihr letztes Stück. Kleine Schweissperlen sammeln sich auf der einen oder andern Stirn im warmen Scheinwerferlicht an. Mit dem Rücken zu uns steht die Dirigentin, eine junge blonde Frau mit Brille, ganz zierlich, und all die Männer machen, was sie sagt. Bewegt sie den Arm langsam, spielen sie sanft, fuchtelt sie wild in der Luft herum, spielen sie laut und bedrohlich.

Fast könnte man stundenlang sitzen bleiben und einfach diese perfekte Harmonie von Bewegung und Klang in sich aufnehmen. Und ein wenig über alles nachdenken, je nachdem, wohin einen die Musik gerade führt, denn es gibt sicher kein einziges Ereignis und kein einziges Gefühl, die sie nicht in Erinnerung rufen könnte. Vielleicht ist das ja genau, was Blasmusik macht: Sie erzählt ein ganzes Leben, manchmal Siege, manchmal Niederlagen, ruhige Zeiten, wilde Zeiten, auf und ab. Die Blaskapelle Zimmerberg hat den letzten Marsch gespielt. Man klatscht begeistert, und unter den Musikern hört man’s flüstern: «Und ez, wo isch de Schnaps?».