Die Beerdigungsaffäre Schnell in Romanshorn

ROMANSHORN. In Romanshorn ist am Dienstag eine katholische 23jährige Tochter gestorben, deren Leiche gemäss dem letztwilligen eigenen Wunsche heute Donnerstag im Krematorium in St. Gallen hätte eingeäschert werden sollen.

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Die katholische Kirche Romanshorn im Abendlicht – interessant, selbst aus der Ferne betrachtet. (Bild: Andreas Walker)

Die katholische Kirche Romanshorn im Abendlicht – interessant, selbst aus der Ferne betrachtet. (Bild: Andreas Walker)

ROMANSHORN. In Romanshorn ist am Dienstag eine katholische 23jährige Tochter gestorben, deren Leiche gemäss dem letztwilligen eigenen Wunsche heute Donnerstag im Krematorium in St. Gallen hätte eingeäschert werden sollen. Der katholische Ortsgeistliche, Herr Pfarrer Amrein, setzte jedoch der alleinstehenden gramgebeugten Mutter der Verstorbenen so lange zu, bis sie die Kremation absagen liess und in die kirchliche Beerdigung auf dem katholischen Friedhof einwilligte.

Am Freitagmorgen sollte das Begräbnis vor sich gehen. Der grosse Trauerzug mit der Leiche bewegte sich bereits unter Glockengeläute zum Kirchhof; da traf von der thurgauischen Regierung, an welche sich die St. Galler Kremationsbehörde telegraphisch gewendet hatte, gleichfalls per Draht der Befehl ein, die Erdbestattung dürfe nicht stattfinden, sondern es müsse der letzte Wille der Toten in vollem Umfange respektiert werden. Pfarrer Amrein erklärte darauf hin, er habe mit der Sache nichts mehr zu tun. Er begab sich nicht einmal auf den Friedhof, sondern überliess es dem Stellvertreter des Bezirksstatthalters, dem am offenen Grabe harrenden Trauergeleite die Mitteilung zu machen sich wieder heimzubegeben. Infolge der Aufregung fiel die arme Mutter der Verstorbenen in Ohnmacht. Die Erbitterung im Publikum über die Intoleranz ist nicht klein.

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ROMANSHORN. (Einges.) Die in der «Thurgauer Zeitung» enthaltene Darstellung über den Beerdigungsfall Schnell enthält einige unrichtige Bemerkungen. Frau Schnell hatte, dem Wunsche ihrer Tochter nachgebend, Feuerbestattung angeordnet. Eindringliche Vorstellungen der nächsten Verwandten veranlassten Frau Schnell, jenen Entschluss zu ändern und auf Erdbestattung zu dringen.

Es ist durchaus unrichtig, dass Herr Pfarrer Amrein nach der letzten Willensverfügung der verstorbenen Tochter Frau Schnell überredet habe, die Erdbestattung zu verlangen.

Tatsache ist, dass Frau Schnell dem Herrn Pfarrer Amrein die Erklärung abgegeben hat, dass sie die Feuerbestattung nicht mehr ändern könne und dass infolge dieser Erklärung Herr Pfarrer Amrein nach den von der katholischen Kirche vorgesehenen Konsequenzen zu handeln hatte.

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Erklärung.

Der St. Galler Feuerbestattungsverein beabsichtigte, die durch das Eingreifen des katholischen Herrn Pfarrer Amrein und des Herrn Gemeindeammann Jakob Etter in Romanshorn anlässlich der Bestattung des Fräuleins Josephine Schnell geschaffene Situation nicht an die Öffentlichkeit zu ziehen.

Nachdem aber der Fall von gegnerischer Seite in irrtümlicher Weise in die Presse gebracht wurde, sehen wir uns zu folgenden Feststellungen veranlasst:

1. Der Eintritt der Mutter der Verstorbenen und dieser selbst in den Feuerbestattungsverein Romanshorn erfolgte erst vor Monatsfrist und aus völlig freiem Entschlusse. Frau Schnell wurde bei diesem Anlasse von zwei Seiten darauf aufmerksam gemacht, dass sie damit erfahrungsgemäss mit den Vorschriften der katholischen Kirche in Widerspruch gerate. Frau Schnell betonte, dass es der letzte Wunsch des Vaters Schnell gewesen wäre, dass Mutter und Tochter dem Feuerbestattungsverein beitreten.

2. In diesem Sinne fertigten auch Mutter und Tochter ihre letztwilligen Verfügungen, liessen diese durch Herrn Gemeindeammann Jakob Etter amtlich beglaubigen und zur Aufbewahrung dem Verein übergeben.

Am Tag des Todes der Tochter ordnete Frau Schnell an, dass die nötigen Anordnungen für die Kremation besorgt werden möchten. Infolgedessen wurde der Friedhofsvorsteher und das Zivilstandsamt benachrichtigt. Die Kremation wurde festgesetzt und Frau Schnell wünschte, dass von St. Gallen aus noch gleichen Tages die Einsargung stattfinde.

Unterdessen war auch die letztwillige Verfügung, das Zeugnis des behandelnden Arztes, des Bezirksarzt-Stellvertreters und die Bewilligung des Bezirksamtes dem Polizeidepartement zugestellt worden, von woher dann am Mittwoch der Leichenpass, d. h. die Anordnung zur Überführung nach St. Gallen einging.

3. Inzwischen hatte Herr Pfarrer Amrein der Mutter harte Vorwürfe gemacht. Er soll gesagt haben: «Wie kommen Sie dazu, Ihre Tochter, meine liebe Kommunikantin Josephina, wie einen Freimaurer nach St. Gallen überführen und verbrennen zu lassen? Das ganze Volk hält sich auf, dass Ihre Tochter kremiert wird; es wird Ihrem Geschäft (Frau Schnell betreibt die Wirtschaft «zum grünen Baum») grossen Schaden erwachsen; denn kein Katholik wird mehr zu Ihnen kommen.» Auch Herr Gemeindeammann Etter wiederholte diese Drohungen.

4. Wenn dem Feuerbestattungsverein letztwillige Verfügungen zur Aufbewahrung überreicht werden, so geschieht dies deshalb, um bei eintretendem Tode die Gewissheit zu haben, dass unter allen Umständen die Feuerbestattung durchgeführt werde. Dies war sowohl der Mutter als der Verstorbenen wohlbekannt, und das Gemeindeamt hätte die Pflicht gehabt, dieses Testament unter vorliegenden Verhältnissen zu schützen, nachdem es dasselbe kurz vorher selbst beglaubigt hatte.

Um dem katholischen Geistlichen dienlich zu sein, verstieg sich das Gemeindeamt Romanshorn zu der Angabe, dass die Tochter auf dem Totenbette ihre letztwillige Verfügung widerrufen hätte; aber es muss zur Ehre des katholischen Pfarramtes gesagt sein, dass dieses wahrheitsgemäss feststellte, dass dies nicht der Fall gewesen sei.

5. Durch die Deponierung der letztwilligen Verfügung waren der Feuerbestattungsverein Romanshorn und das Krematorium St. Gallen pflichtig geworden, die Kremation der Verstorbenen durchzuführen. Hätten sie nachgegeben, so wäre jeder Dritte, besonders aber das Polizeidepartement in Frauenfeld, berechtigt gewesen, sogar von ihnen die nachherige Ausgrabung der Leiche zu verlangen. Die beiden Vereine mussten sich ebenso an die letztwillige Verfügung halten, wie es der Herr Pfarrer und das Gemeindeamt Romanshorn hätten tun sollen; denn eine amtlich gefertigte Verfügung über den eigenen Leib kann nicht von dritter Stelle willkürlich abgeändert werden.

Wir mussten also dem kantonalen Polizeidepartement und dem Bezirksamte entsprechende Mitteilung machen, und das erstere verfügte denn auch sofort, dass das Bezirksamt die Beerdigung verhindern und die Überführung der Leiche nach St. Gallen zum Zwecke der Kremation, wenn nötig polizeilich, zu erzwingen habe.

6. Auf telephonische Anfrage, ob wir keine Einwendung dagegen hätten, dass der schon formierte Leichenzug die Leiche mit Kreuz und Fahne zum Friedhof begleitete, antworteten wir, dass wir keine Erlaubnis zu erteilen hätten.

Der Gemeindeammann berichtete nach St. Gallen, dass er (der die bereits am frühen Morgen angeordnete Überführung durch sein Eingreifen verhindert hatte) keinen Leichentransport über den Mittag dulde.

7. Es wurde eine ausserordentliche Gemeinderatssitzung einberufen, die das gesetzwidrige Verhalten des Gemeindeammanns genehmigen sollte; aber inzwischen war von Frauenfeld wiederholt die Weisung erfolgt, die Leiche herauszugeben, so dass endlich erst gegen 5 Uhr unser Leichenführer abfahren und die Kremation vorgenommen werden konnte.

8. Zu der Trauerfeier erschienen etwa 15 Personen, und der Feuerbestattungsverein trug Sorge, dass der Verstorbenen von geistlicher Seite ein herzlicher und würdiger Nachruf und ein frommes Gebet gewidmet wurde. Der tieferschütterten Mutter liess er aber durch die anwesenden Verwandten mitteilen, dass er mit Rücksicht auf die waltenden Verhältnisse alle Kosten der Überführung, der Kremation, des Geistlichen, der Urne usw. auf seine Rechnung übernehme.

9. Den Gesundheitszustand der armen Frau betreffend wurde uns mitgeteilt, dass seither eine wesentliche Besserung eingetreten sei. Wir hoffen und wünschen aufrichtig, dass dem so sein möge.

Wir bedauern aufrichtig, dass die gegnerische Presse uns durch ganz ungerechtfertigte Angriffe veranlasst, der Bildung von tendenziösen Legenden durch klare und wahre Sachdarstellung entgegenzutreten. Man sieht, dass die Behandlung des Luzerner Rekurses unsern historischen Gegnern den Kamm geschwellt hat. Das dort bewiesene Entgegenkommen wird mit Skandalen beantwortet, welche man seit vielen Jahren gar nicht mehr kannte.

Der St. Galler Feuerbestattungsverein und der Feuerbestattungsverein Romanshorn und Umgebung

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Erwiderung.

Der St. Galler Feuerbestattungsverein glaubte im Verbund mit dem Feuerbestattungsverein in Romanshorn zur Aufklärung der Öffentlichkeit eine längere Epistel veröffentlichen zu müssen, um für die Feuerbestattung Freunde zu werben. Der Hauptzweck ist aber der, durch Angaben und Verdächtigungen aller Art politische Gegner anzugreifen. Die Drahtzieher des Feuerbestattungsvereins Romanshorn kennt man hier zu genau, und ihr Tun und Treiben wird dementsprechend gewürdigt. Sie haben es mit Vorliebe auf den katholischen Pfarrer und auf den Gemeindeammann abgesehen.

Pflicht des Feuerbestattungsvereins St. Gallen wäre es gewesen, sich genauer über die tatsächlichen Verhältnisse zu erkundigen. Nachdem das unterlassen wurde, muss ich annehmen, dass die Vorstandsmitglieder des Vereins gerne anderen am Zeug flicken, um dabei ihre eigenen Fehler, Mängel und Unvollkommenheiten in den Hintergrund zu stellen.

Vollständig falsch ist die Behauptung, es habe der Gemeindeammann bei Frau Schnell dahin gewirkt, dass die Tochter nicht zur Kremation übergeben werde. Ebenso falsch ist die Behauptung, dass ich gesagt habe, die Tochter hätte die letztwillige Verfügung widerrufen. Dagegen habe ich darauf hingewiesen, dass die Verstorbene durch Entgegennahme der Sterbesakramente den Willen dokumentiert habe, nach kirchlichem Brauch beerdigt zu werden. Ich kenne noch Juristen, die die ganze Sache ebenso gut verstehen und objektiv urteilen, welche der gleichen Ansicht sind, obschon sie der evangelischen Konfession angehören.

Unwahr ist ferner die Behauptung, ich hätte am frühen Morgen die Überführung der Leiche nach St. Gallen verhindert.

Festgestellt darf werden, dass weder der Vorstand des Feuerbestattungsvereins Romanshorn noch der Gemeindeammann am Vorabend oder am Morgen genau wussten, ob definitiv eine Beerdigung oder eine Verbrennung in Frage komme. Zwei Vorstandsmitglieder erklärten mir gegenüber am Tage vor der Beerdigung auf meinem Bureau, dass sie in diesem speziellen Falle der Beerdigung zustimmen könnten. Was dann weiter zwischen ihnen und dem Feuerbestattungsverein St. Gallen verhandelt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.

Ich habe nichts anderes getan, als auf dringendes Ansuchen der seelisch leidenden Mutter Schnell Unterhandlungen angebahnt, um die von ihr gewünschte Beerdigung zu ermöglichen.

J. Etter, Gemeindeammann