Die Baupläne entwarf er selber

ARBON. Max Burkhardt, Bauherr der Jugendstilvilla, ist wenigen ein Begriff. Vandalenakte und ein Streit um den Denkmalschutz des Hauses haben das Schaffen des Pionier-Fotografen überdeckt. Historiker Hans Geisser hat seine Geschichte aufgearbeitet.

Hans Geisser/Tanja von Arx
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Max Burkhardt mit seiner Verlobten Klara Schwab, 1904. (Bild: pd/Hans Geisser, Museumsarchiv)

Max Burkhardt mit seiner Verlobten Klara Schwab, 1904. (Bild: pd/Hans Geisser, Museumsarchiv)

Illuster ist ihre Geschichte, aber nur wenig über ihren Bauherren bekannt. Die Jugendstilvilla, den Arbonern unter dem Namen «Sonnenblumenhaus» geläufig, steht seit Jahren in der kritischen Diskussion um den Denkmalschutz, sie war Drehort der Walser-Verfilmung «Der Gehülfe» und kürzlich gar Schauplatz eines Vandalendeliktes (siehe Kasten). Vom dort einst tätigen Max Burkhardt kennen die Anwohner lediglich den Namen.

Der Vater stirbt, als er vier ist

Dabei war Burkhardt seiner Zeit voraus und galt als Pionier in der Fotografie und als Künstler, wovon sein Haus zeugt. «Max Burkhardts Schaffen und sein Lebensweg sind aufs Engste mit der Jugendstilvilla verbunden», sagt der Lokalhistoriker Hans Geisser. Geisser hat Burkhardts Geschichte in den letzten Wochen recherchiert. Geboren 1876 in Aarau, führt der Weg des kleinen Max bald nach Rapperswil zur Tante. Denn als Max vier ist, stirbt sein Vater, ein Bankdirektor. Die Mutter ist gezwungen, mit Max und seiner Schwester eine neue Bleibe zu finden.

Max Burkhardt mit seiner Verlobten Klara Schwab, 1904. (Bild: pd/Hans Geisser, Museumsarchiv)

Max Burkhardt mit seiner Verlobten Klara Schwab, 1904. (Bild: pd/Hans Geisser, Museumsarchiv)

Max macht nach der Volksschule eine Lehre als Dekorationsmaler. Er bildet sich weiter an den Kunstgewerbeschulen Zürich und München. Dazwischen liegen Lehr- und Wanderjahre in Deutschland und in Paris, vor allem als Dekorations- und Plakatmaler. In seinem illustrierten Tagebuch schreibt der junge Max vom gelegentlichen Nebenerwerb als Velo-Fahrlehrer. Er hat immer ein Velo dabei. Vom Pariser Aufenthalt sind noch Aquarelle im Museumsarchiv Arbon vorhanden, ländliche Bauwerke und Landschaftsmotive, zum Beispiel in der Küstenregion Normandie.

Maler im Industrie-Städtli

1903 zieht Burkhardt als Malermeister nach Arbon und kauft eine Werkstatt an der Gerbergasse. Arbon ist zu dieser Zeit eine stürmisch wachsende Industriestadt, ein fruchtbarer Boden für den jungen Geschäftsmann. Burkhardt hat Aufträge von Fabrikanten wie Adolph Saurer, ist Dekorations- und Flachmaler, macht Reklameschilder, auch Theaterkulissen auf den Bühnen der Hotels Lindenhof und Baer au Lac.

Die Malereien in der Friedhofskapelle Arbon, gebaut 1907, sind sein Werk, nach Innen- und Aussen-Renovierungen sind jedoch nur die Decke und die Fenster erhalten geblieben. Zeichnungen von Früchten, von Blumen und Tieren, auch Ölgemälde zeigen Burkhardts vielfältiges Schaffen.

Er wirbt mit seinem Haus

Nach der Heirat mit Klara Schwab 1905 baut Max Burkhardt das «Sonnenblumenhaus». Die Pläne mit Atelier fertigt er dank den Studien in technischem Zeichnen an der Schule in München selber, ebenso entwirft er den Innenausbau. Für vier Ausstellungs-Zimmer kreiert er die passenden Möbel, sogar das Besteck und das Geschirr auf dem Esstisch. Mit dem Haus zeigt er seiner Kundschaft einen Querschnitt durch das Angebot, Musterhaus und Dauerausstellung, aussen und innen.

In Zeitungsinseraten macht er auf Fassadengestaltung, künstlerische Fassadenmalerei, gemalte Tapeten und immer auch auf die vier Musterzimmer aufmerksam. Bemerkenswert: Max Burkhardt entwirft sogar Kleider für seine Frau Klara. Die Burkhardts haben drei Kinder: Elsa, Max junior und Heinz.

Schon früh entdeckt Burkhardt Talent und Leidenschaft für die noch junge Fototechnik. Porträts, Personengruppen, stimmungsvolle Landschaftsaufnahmen, Industrie-Werbefotos. Er entwickelt bisher unbekannte Fototechniken. Hoteliers am See und im Toggenburg bestellen Tourismusprospekte. Aus dem eigenen Verlag liefert Burkhardt ihnen Postkarten ihrer Häuser, den Räumen und der Gegend dazu. So sind noch Karten von fünfzig Hotels mit hauseigenen Stempeln im Archiv. Postkarten schreiben ist damals Mode.

Gefährliche Arbeit im Alpstein

Weniger bekannt sind Burkhardts Aufnahmen von Alpinisten beim Klettern, zum Beispiel in den Kreuzbergen im Alpstein. Nicht ganz ungefährlich, stellt man sich die damalige Ausrüstung vor, die er mitschleppen musste. Die Fotografie wird bald Burkhardts Haupterwerb. Ein Steckenpferd, das gar zum einträglichen Nebenerwerb wird, ist sein Interesse, Tropfsteinhöhlen zu erforschen wie im Karstgebirge bei Triest und in den Höllgrotten Baar. Mit Lichtbildervorträgen wird er zum gefragten Referenten im ganzen Land. Er macht dafür Werbung mit Zeitungsinserat und Prospekten.

Max Burkhardt stirbt im Jahr 1957. Ein Wermutstropfen: Tausende Foto-Glasplatten – das sind damals die Negative – landen in den Kehrichtkübeln. Einen Nachruf in den beiden Lokalzeitungen sucht man vergeblich. Dabei ist er schon früh international bekannt. Im Museumsarchiv gibt es zwei Auszeichnungen: Ein Diplom der Weltausstellung Leipzig und das Begleitdokument für eine Silbermedaille an der Landesausstellung Bern. In den darauf folgenden Jahrzehnten erhielt Burkhardt internationale Auszeichnungen am laufenden Band aus Antwerpen, Paris, Berlin, London und Luzern.

Museo d'Arte, Schloss Prangins

Erst fünfzig Jahre nach seinem Tod werden bekannte Museen und Kunsthäuser auf ihn aufmerksam. In einer Sonderausstellung im Schweizer Fotoarchiv Winterthur mit der Überschrift «Bilderstreit», einer Gegenüberstellung von früher Fotokunst mit moderner Fotografie, ist Burkhardt prominent vertreten. Auf dem Ausstellungsplakat ist eine seiner Landschaften abgebildet. Die gleiche Ausstellung wird im Museo d'Arte del Ticino Lugano und im Schweizer Landesmuseum im Schloss Prangins gezeigt. Burkhardts grossformatige, in Passepartout gerahmte Werke dieser Ausstellungen sind im Besitz des Historischen Museums im Schloss Arbon.

Die Jugendstilvilla mit den Sonnenblumen, das «Sonnenblumenhaus» von Max Burkhardt. (Bild: Max Eichenberger)

Die Jugendstilvilla mit den Sonnenblumen, das «Sonnenblumenhaus» von Max Burkhardt. (Bild: Max Eichenberger)