Der Wald lässt ihn nicht los

Der Märstetter Revierförster Jakob Stump hat am Samstag seinen Ruhestand angetreten. Während fast 40 Jahren war er für die Waldarbeit in Amlikon zuständig, später auch in Märstetten und Wigoltingen.

Mario Testa
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Köbi Stump zeigt seinen Lieblingsbaum im Wald der Bürgergemeinde Amlikon, eine mächtige Elsbeere. (Bild: Mario Testa)

Köbi Stump zeigt seinen Lieblingsbaum im Wald der Bürgergemeinde Amlikon, eine mächtige Elsbeere. (Bild: Mario Testa)

Herr Stump, geniessen Sie Ihre neugewonnene Freizeit?

Ja. Wobei, ganz fertig bin ich mit der Arbeit noch nicht. Es ist mehr Arbeit, ein Revier aufzulösen, als es einfach einem Nachfolger zu übergeben.

Sie werden erst im kommenden Frühling 65 Jahre alt. Weshalb gehen Sie schon jetzt?

Das Waldjahr beginnt immer am 1. Oktober, deshalb hat sich dieser Termin angeboten. Ich hatte im Jahr 1977 auch an einem 1. Oktober meine Arbeit in Amlikon angetreten. Ich bin ja auch nicht der einzige langjährige Revierförster, der diesen Termin gewählt hat. Mit mir werden auch die Kollegen Werner Kreis in Ermatingen und Rolf Singer aus Salenstein pensioniert. Wir drei hatten schon alle zur gleichen Zeit mit der Lehre begonnen.

Weshalb haben Sie sich damals für eine Lehre als Förster entschieden?

Ich hab einfach Freude an der Natur. Das war der Grund dafür. Die Arbeit draussen im Wald hat mir immer gut gefallen, viel mehr als diejenige im Büro. Und leider hat sich mein Job über die Jahre immer mehr vom Wald ins Büro verlagert, das passte mir nicht. Ich hab oft zu mir gesagt, heute würde ich eigentlich viel lieber einen Baum fällen.

Wie viele Bäume haben Sie denn in Ihrem Leben schon gefällt?

Genau weiss ich es nicht, aber es sind sicher über hunderttausend. Allein während der zwei Jahre in Kanada hab ich gegen hunderttausend Bäume gefällt. Auch als Revierförster hab ich gern mitgeholfen im Wald, um aus dem Büro rauszukommen, da kam einiges zusammen.

Wie kommt es, dass Sie in Kanada Bäume fällen?

Als 21-Jähriger bekam ich die Gelegenheit, nach Kanada zu gehen. Die habe ich natürlich gepackt, Kanada ist die erste Adresse für die Holzwirtschaft. Im hohen Norden habe ich dort im Winter Bäume gefällt – im Sommer ging ich auf Reisen.

Sind die Unterscheide gross zur Forstarbeit in der Schweiz?

Es sind vor allem die Dimensionen, die anders sind. In Kanada gibt es unendliche Weiten, da war ich in meinem Camp manchmal Hunderte Kilometer vom nächsten Dorf entfernt und hab im Akkord Bäume gefällt. Manchmal hatte es bis zu 40 Grad minus und drei Meter Schnee. Viele Gebiete erreicht man auch nur im Winter über zugefrorene Seen und Sümpfe.

Wie kam es dazu, dass Sie 1977 das Forstrevier Amlikon übernommen haben?

Amlikon war immer ein Sprungbrett-Revier. Viele vor mir wurden schon vom Kanton hierhin eingeteilt. Eigentlich ist das Revier mit den vielen Privatwäldern zu klein. Ich sage immer: zu klein zum Leben, zu gross zum Sterben. Mit der Zusammenlegung 1997 mit Märstetten und Wigoltingen bekam das Forstrevier dann aber eine gute Grösse.

Wie haben Sie den Kontakt mit den Waldbesitzern erlebt?

Ich mag den persönlichen Kontakt, hatte sozusagen 500 Chefs. Die einen folgten meinen Empfehlungen, andere nicht. Aber damit muss man leben. Ich hatte es aber fast immer gut mit den Waldbesitzern, genoss grosse Freiheiten und erlebte jeden Tag etwas anderes.

Die Arbeit im Wald ist sehr gefährlich. Hatten auch Sie oder einer Ihrer Mitarbeiter mal einen Unfall?

Nein, ich zum Glück nicht. Auch meine Mitarbeitenden sind verschont geblieben. Ein verstauchter Knöchel eines Mitarbeiters war das Schlimmste, was ich miterlebt habe. Es ist wichtig, dass man sich der Gefahren im Wald bewusst ist und immer achtsam bleibt. Aber ein gewisses Restrisiko bleibt. Ich habe in den 39 Jahren als Förster nicht einen Tag gefehlt, war auch nie krank.

Wie hat sich die Forstarbeit in den fast 40 Jahren Ihrer Tätigkeit verändert?

Die Holzpreise sind stetig gesunken. Dadurch wurde es immer schwieriger, wirtschaftlich zu arbeiten. Es ist schon Paradox, wenn man in den Läden hier im Thurgau Brennholz aus Tschechien kaufen kann und alle Möbel aus verleimten Platten aus Deutschland gezimmert werden. Alle wollen in der Schweiz den Wald, aber niemand will etwas dafür tun, so kommt es mir manchmal vor. Der Wald wird auch immer mehr zum Erholungsraum. Das ist schön, bringt aber auch Arbeit und Haftungsfragen für die Förster mit sich.

Die Forstwirtschaft passiert vorwiegend im Winter. Wie haben Sie jeweils Ihre Sommer verbracht?

Mit Reisen. Im Winter und Frühling machte ich jeweils so viel Überzeit, dass ich im Sommer oft und lange verreisen konnte. Das Reisen ist eine grosse Leidenschaft von mir. Besonders das Tauchen hat mich fasziniert, und so war ich schon auf unzähligen Inseln in Polynesien und der Südsee – und das werde ich auch jetzt im Ruhestand gerne und oft tun. Daneben habe ich noch meine Familie und meine Kleintierzucht – und ein kleines Stück Wald hab ich gekauft.