Der vergessene Riesenzahn

AMRISWIL. Die ältesten Fundstücke Amriswils wollte das Ortsmuseum zu seinem Jubiläum zeigen. Nun ist ein Fund aufgetaucht, der alle Exponate in den Schatten stellt: Ein 4000 Jahre altes Stück eines Mammutstosszahns.

Sarah Schmalz
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Eugen Fahrni beim sorgfältigen Plazieren des urzeitlichen Fundes. (Bild: Reto Martin)

Eugen Fahrni beim sorgfältigen Plazieren des urzeitlichen Fundes. (Bild: Reto Martin)

Er hatte die Sache erst nicht wirklich ernst genommen, das muss Eugen Fahrni zugeben. Doch wer kann ihm das verübeln: Ein in Vergessenheit geratener, vor bald hundert Jahren in Amriswil gefundener Mammutzahn – das klang zu sehr nach der Spinnerei eines senilen alten Mannes. Doch der 84jährige Hansjörg Häberli, der Fahrni mit der skurrilen Geschichte konfrontiert hat, ist kein Opfer seiner Phantasie. Davon kann sich im Ortsmuseum Amriswil nun jeder überzeugen.

Leihgabe von Frauenfeld

Anfassen darf er ihn nur mit Handschuhen, weshalb Fahrni ein bisschen aussieht wie ein Butler, als er das riesige Stück eines Mammutstosszahns in die Vitrine zurücklegt. Vor einigen Tagen erst hat das Naturmuseum Frauenfeld den Fund dem Ortsmuseum Amriswil zukommen lassen – als Leihgabe. Interessiert hatte sich davor jahrelang keiner für das urzeitliche Relikt, das mit nur wenigen Angaben im Depot des Naturmuseums gelagert wird: «Wollhaarmammut – Mammuthus primigenius; Schädel, krankhafter Stosszahn eines alten Weibchens; Fundort: Amriswil, Köpplishaus, Kiesgrube Tellen; Finder: Paul Keller, Frühjahr 1920». Doch als sich Hansjörg Häberli beim Naturmuseum nach dem Mammutzahn erkundigt, erinnert sich Sammlungskuratorin Barbara Richner an das Exponat.

Was Hansjörg Häberli als Kind aufgeschnappt hatte, ist nun also bestätigt. In Amriswil beginnt damit eine grosse Recherche. Denn für Fahrni, der das Ortsmuseum Amriswil mitbegründet hat, ist klar: «Viel spannender als unsere Ausstellungsstücke sind die Geschichten, die dahinter stecken.»

Eine unerwartete Sensation

Die Motivation, der Sache auf den Grund zu gehen, war beim Mammutzahn besonders gross: Schliesslich feierte das Ortsmuseum Amriswil sein letztjähriges 25-Jahr-Jubiläum mit der Sonderausstellung «Die ältesten Funde und Dokumente von Amriswil». Und nun diese 4000 Jahre alte, vergessene Sensation.

Mit Hartnäckigkeit hat Fahrni die Geschichte des Fundes nachkonstruiert. Er hat Nachfahren von Paul Keller aufgespürt und etwa herausgefunden, dass dieser ein Transportunternehmen hatte und Vater Jakob Keller eine Kiesgrube betrieb – was den Fundort des Mammutzahns erklärt. Ab dem ersten Museumssonntag des Jahres, dem ersten Februar, sind das Zahnstück und die Broschüre dazu im Ortsmuseum zu sehen.