Der Tod wartet in Weinfelden

Nicht alle Einwohner freuen sich, als der Kanton dem Dorf vor 145 Jahren 400 internierte Franzosen zuweist. Doch die Unterstützung ist grösser als die Ablehnung: Die Soldaten erholen sich gut. Aber zehn sterben. Ihr Grab befindet sich bei der katholischen Kirche.

Esther Simon
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Die Gebeine der 1871 in Weinfelden verstorbenen Soldaten liegen seit 1909 bei der katholischen Kirche. Dort erinnert ein Grabstein an die elenden Gestalten. (Bild: Reto Martin)

Die Gebeine der 1871 in Weinfelden verstorbenen Soldaten liegen seit 1909 bei der katholischen Kirche. Dort erinnert ein Grabstein an die elenden Gestalten. (Bild: Reto Martin)

WEINFELDEN. Solch elende Gestalten haben die Menschen im Jura wahrscheinlich noch nie gesehen. Anfang Februar 1871 – also vor 145 Jahren – schleppen sich etwa 85 000 Soldaten der französischen Bourbakiarmee über die nordwestliche Schweizer Grenze. Sie sind im deutsch-französischen Krieg 1870/71 immer mehr ins Grenzland abgedrängt worden. Am 1. Februar erhalten sie die Bewilligung, nach vollzogener Entwaffnung ins Land zu kommen. Alle Kantone, mit Ausnahme des Tessins, erhalten Internierte zugeteilt. Auf den Thurgau trifft es 4200 Mann.

Bevölkerung wehrt sich

Der Weinfelder Gemeinderat soll in den ersten Februartagen 1871 in aller Eile Sitzungen abgehalten haben, um über die Unterbringung von Internierten zu beraten, heisst es im Weinfelder Buch des verstorbenen Lokalhistorikers Hermann Lei. Da man sich über die Frage eines geeigneten Lokals nicht einigen kann, soll die Gemeindeversammlung entscheiden.

Diese schickt eine Delegation nach Frauenfeld, um «das bevorstehende Unglück» abzuwenden. Doch damit sind nicht alle einverstanden. Wenn Bischofszell und Arbon Internierte aufnehmen könnten, würde das Weinfelden sehr wohl auch können, heisst es in Leserbriefen. Am 9. Februar kommt aus Frauenfeld die Meldung, dass Weinfelden 400 Internierte unterzubringen habe, aber keinesfalls im Schulhaus.

Rüge für den Gemeinderat

Der Gemeinderat gerät in Verlegenheit, kommt doch nur das Pestalozzischulhaus in Frage. Am 17. Februar nimmt «eine wogende Menge», wie Hermann Lei schreibt, die doch etwa 500 Soldaten in Empfang. Nach einem währschaften Essen werden die Männer gebadet, geschoren und mit sauberer Wäsche versehen. Ein Hilfskomitee hatte mit grossem Erfolg Kleider und Schuhe gesammelt.

Für die wenigen gesunden Internierten sucht man sofort Arbeitsplätze bei Landwirten. Ab dem 27. Februar aber müssen zwei Sekundarklassen sowie Konfirmanden im Rathaus in den Unterricht. Sie fühlen sich durch die fremden Leute in «ihrem» Schulhaus gestört. Die Primarschulbehörde ihrerseits beschwert sich beim Regierungsrat, der Gemeinderat habe sich bei der Lokalsuche für die Internierten überhaupt keine Mühe gegeben. Die Regierung rügt zwar den Gemeinderat, hält aber eine Umsiedlung der Soldaten nicht mehr für angebracht, da diese ohnehin bald heimkehren könnten. Im Nebengebäude des Scherbenhofs befindet sich der Krankensaal mit zuletzt 90 Patienten. Schon am 26. Februar hatte ein junger Soldat auf der Schützenwiese südlich des Bahnhofs begraben werden müssen. Der alte Friedhof bei der Kirche war damals überfüllt. Neun weitere Internierte müssen im Dorf beerdigt werden. Sie sterben an Pocken, Typhus, an der Ruhr oder an Lungenentzündung. 1909 werden die Gebeine ausgegraben und bei der katholischen Kirche beigesetzt. Dort steht noch heute ein Gedenkstein. Die Internierten reisen am 17. März in die Heimat zurück. Auf dem Schulhausplatz hält Platzkommandant Häberlin eine feierliche Ansprache. Dann begleitet die Weinfelder Blechmusik die Truppe zum Bahnhof.

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