Der Thurgauer Dada-Urknall

Bevor die Dadaisten vor einhundert Jahren in Zürich im «Cabaret Voltaire» zum ersten Mal aufgetreten sind, haben sie eine Ehrenrunde in der Provinz gedreht. Thurgauer Gemeinden am Bodensee dienten den Künstlern als Generalprobenort.

Jürg Ganz*
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In der Thurgauer Arbeiterzeitung vom 8. Januar 1916 wurde für den Dada-Anlass in Arbon geworben. (Bild: Reto Martin)

In der Thurgauer Arbeiterzeitung vom 8. Januar 1916 wurde für den Dada-Anlass in Arbon geworben. (Bild: Reto Martin)

ARBON. Dada ist Zürich. Aber nicht nur. Denn die Dadaisten, welche mit ihren unkonventionellen Auftritten die Moral in der damaligen Gesellschaft aufbrechen wollten, fingen damit im Thurgau an. Dada im Thurgau? Eine erstaunliche Tatsache, die lohnt, sie näher zu betrachten, jetzt, wo allerorts 100 Jahre Dada gefeiert wird. Hugo Ball, Schriftsteller, Regisseur, Pianist, und Emmy Hennings, Sängerin, Kabarettistin, Diseuse, Muse, beide deutsche Emigranten, flohen vor den Greueln des Ersten Weltkrieges nach Zürich, wo sich zahlreiche gleichgesinnte Künstler zusammenfanden und sich mit musikalischen und kabarettistischen Auftritten durchs Leben schlugen.

Am Bodensee fing alles an

Ball und Hennings kündigten ihr Mitwirken im Ensemble «Flamingo» auf Ende 1915 und gründeten eine eigene Variété-Gruppe. Ball schreibt dazu: «Raffaëla-Ensemble sollte die Gründung heissen nach dem Namen der hervorragendsten Kraft. Raffaëla hatte Bekannte in Arbon am Bodensee. Dort würde man debütieren, auswärts sich die ersten Meriten holen.»

Unter dem Namen «Arabella» traten sie im Januar 1916 an verschiedenen Orten am Bodensee auf, so auch in Arbon. Die Auftritte wurden zur Hauptprobe für den Urknall von Dada am 5. Februar 1916 in der Zürcher Künstlerkneipe Voltaire, aus dem schnell das weltberühmte «Cabaret Voltaire» hervorging, das noch heute bespielt wird. Hitzige Auftritte aller in Zürich anwesenden Kunstschaffenden folgten Abend für Abend, singend, zitierend, malend, tanzend.

Einigen Mitwirkenden wurde dies bald zu viel und sie «flohen» in den Thurgau. So entstanden die bekannten Künstlerkolonien in Ermatingen, Mannenbach und Uttwil, die Albert Debrunner in seinem Literaturführer 2008 vorgestellt hat.

Dadaist Hugo Ball schreibt am 2. November 1916: «Ermatingen, das kleine Nest, riecht nach allerhand Apfelsorten. In den Gärten blühen noch Astern und Rosen. Breite Strassen und klunkerige Wirtshausschilder. Der dritte Napoleon hatte ein Lustschlösschen in dieser Gegend, Arenenberg oder so. Die Bauernhäuser hier haben etwas vom Kunstgewerbe…»

Treffpunkt der Kreativen

In dem soeben erschienenen Band von Bärbel Reetz «Das Paradies war für uns» über das Leben und Wirken von Ball und Hennings finden sich weitere interessante Hinweise auf Dada und den Thurgau. Auf der Fahrt von Zürich nach Ermatingen soll Leonhard Frank versucht haben, Ball für den Untersee zu begeistern: «Erinnert sich Ball nicht an Jakob Christoph Heer, den Schriftsteller, der Abend für Abend ins <Cabaret Voltaire> kam, ohne sich jemals an den Aktionen zu beteiligen? Ihm und seiner Schwester Maria Elise gehört der traditionsreiche Gasthof Adler, in dem sie Quartier nehmen wollen. Besonders preisgünstig jetzt ausserhalb der Saison. Zudem ist die Wirtin mit einem Autor verheiratet, Karl-Heinrich Maurer. Dass der ein Freund Hermann Hesses aus dessen Gaienhofener Zeit sein soll, quittiert Ball mit einem Schulterzucken. Interessant für ihn ist allein die Nähe zu René Schickele, der sich im Nachbardorf Mannenbach niedergelassen hat.»

Es gab also einige Thurgauer Schriftsteller, die am Geschehen in Zürich interessiert waren. Anderseits entzogen sich einige Protagonisten der turbulenten Dada-Bewegung und suchten Erholung im Kanton Thurgau, einzelne sogar im Kreuzlinger Sanatorium Binswanger. Dada war also da, bevor Dada da war. Und zwar im Thurgau.

*Jürg Ganz war Denkmalpfleger des Kantons Thurgau