Der Schnapsstreit im Schlosshotel

Einen ganzen Nachmittag dauert die Verhandlung vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen. Dabei geht es nur um sechs Flaschen Wein, einen Schnaps und ein paar Kaffees. Die Deliktsumme, über die verhandelt wird, liegt mit 217 Euro rekordverdächtig tief.

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Einen ganzen Nachmittag dauert die Verhandlung vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen. Dabei geht es nur um sechs Flaschen Wein, einen Schnaps und ein paar Kaffees. Die Deliktsumme, über die verhandelt wird, liegt mit 217 Euro rekordverdächtig tief.

Nur der Chef kauft Wein ein

Die Geschichte dahinter spielte sich im Herbst 2009 auf einem Schloss im französischen Jura ab. Dessen Schweizer Besitzer betreibt darin ein Hotel. Für den Unterhalt des Schlosses, die Beherbergung und Bewirtung der Gäste hatte er ein älteres Schweizer Paar aus der Region Kreuzlingen angestellt.

Der Schlossbesitzer wirft nun dem Mann und seiner Lebenspartnerin vor, sie hätten den Gästen auf eigene Rechnung Wein aus ihrem Privatbesitz ausgeschenkt und den Erlös für sich einbehalten. Vereinbart war jedoch, dass im Schloss nur jener Wein verkauft werden darf, welcher der Schlossbesitzer – ein Weinliebhaber – selber eingekauft hatte. So sei diesem eine Umsatzeinbusse von 181 Euro entstanden. Die beiden Angeklagten bestreiten die Tat nicht. Sie argumentieren, dass sie aus Not auf ihren Privatbestand zurückgegriffen hätten, weil der von den Gästen gewünschte günstige Wein nicht vorrätig gewesen sei.

Ebenfalls verhandelt man an diesem Nachmittag über ein Glas Schnaps. Die Angeklagte hatte von einem Stammgast eine Flasche Traubentresterbrand geschenkt erhalten, den man eines Abends in gemütlicher Runde gemeinsam trank. Einer der anwesenden Gäste bestand darauf, mindestens für ein Glas zu bezahlen und drückte der Angeklagten vier Euro in die Hand. In der Anklageschrift taucht dies unter Abzug der Umsatzbeteiligung dann als 3.20 Euro Umsatzeinbusse für den Schlossbesitzer auf. Ein ähnliches Drama gibt es auch betreffs privater und einer Hotelkaffeemaschine. Hier fiel eine Umsatzeinbusse von 33.60 Euro an.

Sie wollten noch abrechnen

Vielleicht wäre es gar nie zu dieser etwas absurd anmutenden Gerichtsverhandlung gekommen, wenn das Paar mit dem Schlossbesitzer zu einem späteren Zeitpunkt korrekt abgerechnet hätte. Das hätten sie auch vor gehabt, beteuern beide. Dazu gekommen ist es aber nicht, weil zuvor ein Streit so eskalierte, dass die Frau alles hinschmiss und ging. Zwischen den Parteien ist denn auch noch ein arbeitsrechtliches Verfahren hängig, wo es um Überstundenvergütung geht.

Aber auch das Verfahren vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen hatte bereits eine Vorgeschichte, sogar das Obergericht beschäftigte sich schon einmal damit.

Das Bezirksgericht sprach das Paar nun frei. Sie hätten nur zum Wohle der Gäste geschaut und keine Schädigungsabsicht gegen den Schlossbesitzer gehegt.

Urs Brüschweiler